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 Die Lebensraumberechnung

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jomikel

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Die Lebensraumberechnung 24.08.2016 18:46:42 (permalink)
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Eine Kurzgeschichte zum Seti@Home-Woh!-Event. Die zwölf Gruppen wurden zu den Kernrechnern, die zwei Teilnehmer der Nordlichter, zu einem Wissenschaftler sowie zu einen, diesen immer wieder besuchenden Gesprächsteilnehmer.
 
Die Lebensraumberechnung
Das Institut bot sich seinem Blick erst, als er den Randbereich der grünen Senke erreichte. Ein großes eiförmiges Gebäude. Etwa dreißig Meter hoch stand auf einer kleinen Insel. Kaum größer als das Gebäude selbst. Zahlreiche kleine geschwungenen Holzbrücken führten über eine breite Wasserfläche vom Ufer aus dorthin. Vom unteren Gebäudeteil knapp unterhalb der dicksten Stelle, bogen sich zwölf dünne Plattformen seitlich nach oben weg. Soweit ihm bekannt war, verbargen sich in ihnen die Kernrechner, während im Gebäude die Energiezufuhr sowie die Datenablesung stattfand.
Er blieb kurz am Rand der Senke stehen und betrachtete den Gesamtanblick. Die Senke war nicht künstlich angelegt worden. Ein ehemaliger Vulkankrater, der seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr ausgebrochen war. Und es auch niemals mehr würde, denn in den letzten Jahrhunderten hatte man die Magmakammer unterhalb des Kraters, mittels Pressfelder um rund fünfzehn Kilometer tiefer gepresst. Und anschließend die darüber freigewordene Felsenkammer mit Meerwasser geflutet. Für das im Krater gebaute Institut, würde für einen nur zwei Wochen dauernden Zeitraum eine immens große Menge an Kühlflüssigkeit benötigt werden.
Automatisch wanderte sein Blick zum unteren Teil des eiförmigen Institutsgebäudes. Dort befand sich die zwölfteillige Zuleitung zu den Kernrechnern. Unterhalb des Gebäudes, im Bereich der Insel, die im Grunde nur eine technische Plattform darstellte, befanden sich die gigantischen Pumpen, die das Kühlwasser aus der Felsenkammer hochpumpen würden. Noch liefen sie nicht, da die Kernrechner noch inaktiv waren. Aber wenn sie liefen, würde das hochgepumpte Wasser, über und durch die Kernrechner, wieder zurück in den See fließen. Ein Kreislaufsystem.
Sein Blick wanderte über den Rest der Senke. Eine, mit reichlich schmalen Pfaden angelegte grüne Landschaft. Die eingesetzten Gärtner hatten tatsächlich ihr Versprechen gehalten. Eine landschaftliche Anlage, die zum einen der Aufgabe gerecht wurde und zum anderen aufzeigte, wie es in der Vergangenheit im Lebensraum ausgesehen hatte. Es war eine Wonne sie nur anzusehen. Aber er würde sie in den nächsten Tagen auch durchwandern dürfen, wenn er mit dem Wissenschaftler des Instituts die berechneten Erkenntnisse diskutieren würde. Außer ihm und dem Wissenschaftler hatten nur die Gärtner das pflanzliche Ergebnis sehen dürfen. Allerdings bezweifelte er, dass die elektromechanischen Gärtner den gleichen Blick hatten, wie er. Soweit er informiert war, verfügten sie nur über einen Graustufenblick. Konnten die vielfältige Farbenpracht, die sich ihm bot, kaum erfahren haben.
Der Zweck des Ganzen lag in Erkenntnissen, über die reale Biologie. Als ein uraltes Archiv im Untergrund gefunden wurde, hatte man darin zahlreiche biologische Samen gefunden. Viele von ihnen waren keimfähig geblieben. Sie wiesen auf ihre ferne Vergangenheit hin und die Lebensraumberechnung bot nebenbei die Möglichkeit, Erkenntnisse hinsichtlich dieser fernen biologischen Zeit zu gewinnen. Alle noch Samen, auch die nicht mehr Keimfähigen, hatte man in das Erdreich gelegt. Über sein eigenes optisches System sammelte er nun, sozusagen im Vorübergehen, zahlreiche Erkenntnisse und speicherte sie ab.

***

Ein Winken und rufen holte ihn aus seiner Betrachtung heraus. Das Winken und Rufen kam vom Wissenschaftler, der auf einer der geschwungenen Brücken vor dem Institut stand. Natürlich, er hatte verspätet. Geschwind aber mit entsprechender Würde folgte er schnellen Schrittes den Pfad in die Senke hinunter. Wenige Minuten später erreichte er den ihn Erwarteden Wissenschaftler.
«Wie ich beobachten konnte, waren sie vom Anblick der Senke abgelenkt.»
«Die Gärtner haben wirklich etwas sehr Schönes geschaffen. Man sollte es der Nachwelt wirklich erhalten.»
«Das Gremium hat es leider anders entschieden. Ich habe aber auch für dessen Erhalt gestimmt.»
Er warf einen letzten Blick auf die Landschaft der Senke hinter und neben sich.
«Wir haben das Privileg, in den nächsten vierzehn Tagen diese gärtnerische Meisterleistung durchwandern zu dürfen, während wir die Ergebnisse der Kernrechner diskutieren. Kommen sie, ich zeige ihnen das Ergebnis, das in den letzten einhundertfünfundachtzig Jahren erbaut wurde.»
«Ich kenne die Pläne. Sie waren Bestandteil meiner Professur.»
«Es ist etwas anderes, das praktische Ergebnis der Theorie, betrachten und in diesem Fall, auch begehen zu können.»
Er folgte dem Wissenschaftler über die Brücke hinweg. Wobei er einen Blick in die Tiefe warf. Aber der Grund der Felsenkammer war nicht zu erkennen. Er lag kilometerweit unter ihm.
«Ist diese immens große Kühlmenge an Wasser wirklich notwendig?»
«Nein. Es war aber einfacher, die gesamte Felsenkammer von dem Magma zu befreien als nur einen Teil. Zudem hätte ein verbleibender Magmarest das Wasser, trotz entsprechender Schutzschichten, zu sehr aufgeheizt. Wirklich gebraucht wird nur etwa ein Zehntel der Wassermenge.»
Das Gebäude verschluckte sie. Er fand sich vor einer Gitterwand wieder. Hinter der Gitterwand befand sich die große zwölfteilige Leitung, die senkrecht aus dem Boden kommend sich seitlich vor ihm aufspaltete. Zu jedem Kernrechner führte eine Leitung. Er stand in einem Gang, der auf der Innenseite des Institutsgebäudes herumführte. Der Gang war knapp einen Meter breit und zweieinhalb Meter hoch.
«Es ist recht eng hier. Aber wir werden ihn kaum nutzen. Kommen sie, hier entlang. Wir gehen rechtsherum zum ersten Kernrechner.»
Der Wissenschaftler führte ihn zu einer Öffnung, die nach außen führte. Allerdings verließen sie dort das Institut nicht, sondern befanden sich im inneren des ersten Kernrechners. Er blieb staunend stehen. Der Wissenschaftler hatte recht gehabt. Das praktische Ergebnis übertraf die Theorie bei weitem.
«Die größte Rechenleistung unseres Lebensraumes, eingeschlossen in Glas. Ein wunderschöner Anblick, nicht wahr?»
Es war tatsächlich an Anblick, den er zwar schon auf vielen Bildern gesehen hatte, der ihm jetzt aber in der Realität die Sprache verschlag. Zahlreiche Glasplatten in verschiedenen Formen bildeten den Kernrechner. Senkrecht, waagerecht oder schräg angeordnet. Verbunden durch kurze Glasröhren. Die wasserführende Leitung endete etwa auf ein Drittel der Länge des Kernrechners oberhalb von diesem in einem Trichter. Zwischen den Glasplatten, die angefüllt waren mit elektronischen Bauteilen, waren große Lücken zu erkennen. In ihnen spiegelte sich die Oberfläche des Sees, in dem das Institut stand.
«Das Kühlwasser wird über den Kernrechner einfach ausgeblasen. Er ist so angeordnet, dass jede Glaskomponente von der benötigten Wassermenge überflutet werden wird.»
«Es ist wirklich ein imposanter Anblick.»
«Es ist nur ein Kernrechner. Jeder der zwölf Kernrechner ist baulich anders gestaltet worden, um seine Aufgabe gerecht zu werden.»
«Zwölf Himmelsbilder und Jahresunterteilungen, ein halber Tag. Geteilt durch drei ergibt die vier Jahreszeiten.»
«Drei, Vier und Zwölf. Zahlen, denen wir überall in unseren Daten begegnen.»

***

«Womit wir bei der eigentlichen Aufgabe des Instituts sind. Der Theorie nach, sollen die zwölf Kernrechner, uns den Aufbau unseres Lebenraumes ermitteln.»
«Anhand aller Daten, die uns vorliegen. Ja, so wird es sein.»
«Sie sind davon vollständig überzeugt, wie ich höre.»
«Natürlich. Ansonsten wäre ich jetzt nicht hier im Institut, um die Lebensraumberechnung zu starten und zu überwachen beziehungsweise zu übermitteln.»
«Entschuldigen sie bitte. Für die Übermittlung bin alleine ich vom Gremium abgestellt worden.»
«Oh, natürlich. Verzeihen sie mir die ungenaue Wortwahl. Mit Übermittlung meinte ich, das Überwachen und übermitteln der Berechnungen der Kernrechner.»
«Wobei, das auch schon wieder ungenau ausgedrückt ist. Kein Lebewesen unseres Lebenraumes kann die Arbeit der Kernrechner überwachen. Dazu sind wir gar nicht in der Lage. Wir konnten die Kernrechner nur theoretisch entwickeln und mussten schon den Bau künstlichen Intelligenzen überlassen. Was dann anschließend zum KI-Krieg führte.»
«Sie haben natürlich recht. Wobei wir das Problem, dessen uns die Kernrechner abnehmen werden, schon sehr gut ausgedrückt haben. Die Beschaffenheit unseres Lebensraumes zu erfassen, überstieg schon immer unsere wissenschaftlichen Forschungen. Aber mit Hilfe der Kernrechner wird es uns gelingen.»
«Ich bin zwar theoretisch geschult worden in meine Aufgabe, aber wie werden die zwölf Kernrechner ihre Aufgabe bewältigen?»
«Einfach ausgedrückt, verknüpfen sie alle vorhandenen Daten zu einem Ganzen.»
«Das haben frühere Wissenschaftler und Forscher auch schon versucht.»
«Sie scheiterten aber immer wieder, weil sie auf ein Ergebnis stießen, das nur durch hinzufügen von weiteren Theorien erklärbar wurde. Selbst heute noch, scheitern wir immer wieder an dieser Hürde.»
«Und da das Institut mit dem zwölf Kernrechnern anders arbeitet, besteht die Wahrscheinlichkeit, das die letztendliche Hürde durchbrochen werden kann.
«Durchbrochen wird. Das Gremium ist sich da absolut sicher.»

***

«Was voraussetzt, das die Kernrechner auch über alle Daten verfügen. Dahingehend habe ich immer noch Zweifel. Auch wenn das Gremium über diese Sachlage, einige Jahrhunderte lang, durchgehend forschen ließ.»
Der Wissenschaftler verließ den Kernrechner und er folgte ihm. Es ging den engen Gang weiter rechtsherum an zwei weiteren Zugängen, hinter den sich jeweils ein Kernrechner befand, vorbei. Er blieb immer einen Augenblick dort stehen und betrachtete die Form des jeweiligen Kernrechners. Sie wiesen in der Tat immer ein anderes Aussehen auf.
«Was der Grund ist, das Sie für diese Aufgabe ausgewählt wurden und nicht ein anderer, der keinen Zweifel hat. Dieser letzte Zweifel wird ihren Blick schärfen.»
Er nickte unwillkürlich. Es entsprach dem, was er sich selbst überlegt hatte, als er vor das Gremium gerufen wurde. Der Wissenschaftler vor ihm, stieg nun eine fast unsehbare Leiter in der Gittermauer hinauf. Er folgte ihm und gelangte in eine Kammer mit runder Decke. Ein nur ein Meter breiter Laufgang, genau in der Mitte der Kammer, empfing ihn.
«Die Steuerkammer. Hier werden die Ergebnisse im zentralen Hologramm gezeigt. Und hier werden auch die Kernrechner gestartet.»
Wobei der Wissenschaftler auf das kleine Steuerpult vor sich wies. Es gab nur einen einzigen Knopf auf dem Pult. Er sah den Wissenschaftler überrascht an.
«Das ist nicht ernst gemeint, oder?»
«Zugegeben, Steuerpult ist mehr als übertrieben. Selbst dieser Startknopf ist übertrieben. Es gab eine Ausschreibung im Gremium und zur Überraschung aller, setzte sich dieser Startknopf durch. In Rot gehalten, selbstverständlich.»
Er schüttelte den Kopf, ob dieser archaischen Startmöglichkeit.
«Selbstredend mit einer ausreichenden Zeitspanne, die uns das Verlassen des Instituts gewährleistet. Hoffe ich doch?»
«Selbstverständlich. Auch wenn das Gremium, was diesen Startknopf angeht, keinen Rückzieher machen wollte, setzt er nur einen elektrischen Mechanismus in Gang, der dann den eigentlichen Startvorgang in Betrieb setzt.»
«Und das Hologramm?»
«Es zeigt im Lauf der vierzehn Berechnungstagen, die Ergebnisse der Kernrechner an. Die uns währenddessen aber nicht zugänglich sein werden. Zumindest nicht an diesem Ort. Erst nach der Lebensraumberechnung, wenn sich die Kernrechner wieder abschalten, ist diese Kammer wieder gefahrlos zugänglich. Dann zeigt das Hologramm das Ergebnis an.»
«Und warum dann der Aufwand des Hologramms in dieser Kammer? Wäre es nicht einfacher gewesen, die Ergebnisse an einen anderen Ort weiterzuleiten?»
«Theoretisch ja, praktisch nein. Es liegt an den Kernrechnern selbst. Sie sind ultradicht gepackt und haben daher extrem kurze Verbindungen. Das konnten wir zwar, was den Output angeht, auf das Maximum strecken, aber hier war ende.»
«Ich verstehe.»
«Kommen sie.»
Wobei der Wissenschaftler den Startknopf drückte und ihn zurück zur Leiter führte. Zusammen verließen sie zügig aber doch ruhigen Schrittes das Institut.

***

Wieder blieb er am oberen Rand der Senke stehen. Nur das er diesmal nicht alleine war. Der Wissenschaftler stand neben ihm. Der Anblick, der sich ihnen bot, war derselbe wie Tags zuvor. Bis auf das Institutsgebäude. Es war fast zur Gänze unter herausschießenden Wassermengen verborgen. Der See selbst verschwand unter brodelnden Wassermengen, die auch die geschwungenen Brücken zur Hälfte überspülten. Er kannte die Theorie der Wasserkühlung bei der Lebensraumberechnung aber die Praxis zeigte zusätzlich die ganze Gewalt, die dahinter steckte. Es machte in der Tat einen Unterschied, die Kraft, rein als Datenwert zu kennen oder sie pur, als Kraft mit dem Körper zu spüren.
Er spürte es als leichtes Unwohlsein im Körper.
«Niederfrequente Schwingungen. In der Kammer des Instituts würden unsere Körper innerlich verflüssigt werden. Schalten sie ihr Magnetfeld ein.»
Kaum das sich das Magnetfeld um seinen Körper legte, verschwand das Unwohlsein. Er tat den ersten Schritt und folgte einem der zahlreichen Pfade, die durch die Senke führten. Der Wissenschaftler folgte ihm und nach wenigen Augenblicken war er wieder neben ihm. Der Pfad bot mit zwei Metern Breite ausreichend Platz dazu.
«Wir haben die ersten Erkenntnisse gewinnen können. Die zwölf Kernrechner arbeiten gemäß aller Vorausberechnungen.»
«Und man vertraut ihren Ergebnissen vorbehaltlos?»
«Sie sprechen den KI-Krieg an. Ja, das war damals eine schlimme Zeit für unseren Lebensraum. Und ja, wir vertrauen den Ergebnissen der zwölf Kernrechner vorbehaltlos. Der Grund dafür ist simpel, und sie dürften ihn kennen.»
«Sie haben natürlich recht. Die Kernrechner verfügen über keinerlei Bewusstheit. Es sind reine Rechenmaschinen, wenn auch auf extrem hohem Niveau. Aber sie erreichen fast das Niveau einer KI.»
«Sie liegen drei tausendstel Prozent unterhalb der Schwelle. Gerade eben noch vertretbar für das Gremium. Aber ich kenne die langjährigen Diskussionen um diesen Punkt. Zudem existiert keinerlei Verbindung zu einem Ort außerhalb dieser Senke.»
«Was der Grund für meine Aufgabe ist. Ich nehme die Erkenntnisse von Ihnen entgegen. Während der Lebensraumberechnung bei Spaziergängen durch die Senke. Bei Abschluss dann in der Kammer im Hologramm. Aber die Informationsübermittlung geschieht rein verbal.»
«So ist es vorgesehen. Und eine erste Erkenntnis gibt es bereits. Allerdings ist sie uns schon seit langem bekannt.»
«Dann ist sie die Erkenntnis, mit der wir, ich, überprüfen kann, ob die Kernrechner richtig arbeiten. Man gab mir diese Erkenntnis in Form eines einzigen Wortes mit.»
Der Wissenschaftler sah neugierig zu ihm herüber.
«Kugel.»
Er nickte bestätigend. Innerlich fühlte er selbst Erleichterung. Das Gremium hatte ihm mitgeteilt, das dies die erste Erkenntnis sein dürfte, die von den zwölf Kernrechnern kommen müsste. Zumindest nach den zahlreichen Hochrechnungen, die gemacht wurden.
«Die vollkommenste Form. Die Kugel. Und interessanterweise ist die Zahl Drei in ihr enthalten.»
«Allerdings nicht in ihrem reinen Wert. Phi ist auch heute, eine in die Unendlichkeit verlaufenden Bruchzahl ohne Wiederholungen.»
«Was nur beweist, das unser Lebensraum nicht perfekt ist.»
«Ich verstehe. Wenn er perfekt wäre, würde er keinen Beginn aufweisen und ewig andauern.»
«Da wir Hinweise für Beides gefunden haben, kann er nicht perfekt sein. Was zu Beweisen war, wie man früher schrieb.»

***

«Die Kernrechner haben aber noch eine weitere Erkenntnis errechnet.»
Ich fragte nicht nach, sondern sah mir die gärtnerische Arbeit innerhalb der Senke an. Alle Pflanzen waren, mittels uralter Samenkörner aus einem Archiv, nur hier angepflanzt worden. Es gab ansonsten nur grafische Umsetzungen dieser pflanzlichen Welt, die einmal existiert hatte. Umso unverständlicher für mich, warum die Senke nach der Lebensraumberechnung eingeäschert werden sollte. Aber das Gremium hatte entschieden.
«Ich höre.»
«Es wird sie überraschen, denke ich. Zur ersten Erkenntnis der Kugel soll dessen Inneres auch das Äußere sein.»
«Sie meinen, das Volumen der Kugel soll mit der Oberfläche der Kugel identisch sein?»
«Nein. Zumindest den Kernrechnern nach.»
Der Wissenschaftler blickte dabei immer wieder auf eine kleine, im Ärmel, eingelassene Monitorfolie. Aus den Dokumenten, die mir vorgelegt worden waren, wusste ich, dass der Wissenschaftler über diese Monitorfolie die Erkenntnisse der Kernrechner abfragen konnte. Im Grunde genommen, sah er ein Abbild einer Kamera mit kurzer Sendereichweite, die auf das Hologramm in der Kammer des Instituts gerichtet war.
«Auf Basisebene wäre es ein Vergleich von drei zu zwei Dimensionen. Also keine Gleichheit.»
«Nicht Gleichheit, sondern identisch! Die Erkenntnisse sind da eindeutig. Das Innere ist identisch mit dem Äußeren.»

***

Als er das nächste mal in der Senke auftauchte, kam er direkt vom Gremium. Nachdem er dort die erste Erkenntnis der Kernrechner überbracht hatte, war eine lange Diskussion entbrannt. Er selbst hatte sich allerdings aus dieser Diskussion herausgehalten, um seine Neutralität während der Lebensraumberechnung gewährleisten zu können. Er stellt immerhin das momentan einzige Bindeglied zwischen dem Wissenschaftler des Instituts und dem Gremium dar.
«Ich sehe ihnen an, das sie keine Ruhe gefunden haben.»
«Das Gremium hat auf die erste Erkenntnis reagiert. Auch wenn sie erwartet wurde, brach eine Diskussion los, die jetzt noch andauert. Das Gremium hat mir eine Frage mitgegeben. Sie lautet wie folgt: Wie berechnen die Kernrechner ihre Erkenntnisse?»
Der Wissenschaftler sah ihn verwundert an. Er konnte es ihm nachfühlen, denn diese Frage war in jahrelangen Diskussionen bereits vorher ausgiebig besprochen worden. Aber jetzt, wo die Lebensraumberechnung lief, gab es für das Gremium eine Aktualität, die es vormals nicht gab.
«Es liegen nun aktuelle Erfahrungswerte der Kernrechner vor, die es vorher nur theoretisch gab. Wie sie selbst sagten. Die Praxis unterscheidet sich von der Theorie. Insofern ist die Frage des Gremiums berechtigt.»
«Ich gebe Ihnen recht. Es ist schwer, die Erkenntnisgewinne der Kernrechner, zu erklären.»
«Wir haben Zeit. Folgen wir derweil diesem Pfad hier.»
Der Pfad führte sie in die leichte Nebelwolke hinein, die sich in der Senke gebildet hatte. Die immensen Wassermassen, die sich über die Kernrechner ergossen, zerstoben beim Aufprall auf Hindernissen zu feinen Tropfen, die sich als Nebenwolke über dem Institut erhob. Ein leichter Wind strömte in Richtung des Instituts und hielt den Nebel dort zusammen. Der Luftzug wurde durch das zurückströmende Wasser verursacht. Die hochgepumpten Wassermengen hatten die Seeoberfläche stark absinken lassen und das über die Kernrechner gespülte Wasser riss beim Hinabfallen die Luft mit sich.
«Die zwölf Kernrechner tun eigentlich nichts anderes, als alle Daten zueinander in Beziehung zu setzen. Jeder Kernrechner tut dies allerdings auf eine andere Art und Weise. Ich erhalte auch immer zwölf Ergebnisse, aus denen alle Kernrechner zusammen dann die Erkenntnis berechnen.»
«Das klingt ähnlich wie die Vorgehensweise der Forscher in ferner Vergangenheit. Jeder von ihnen ermittelte im Laufe seines Lebens, eine oder mehrere Basisformeln, die unseren Lebensraum beschrieben. Mal mehr, mal weniger genauer.»
«Das Prinzip ist ähnlich. Nur das die Leistung der Kernrechner für einen dieser Forscher der Vergangenheit, gar nicht mehr erklärbar ist.»
«Es übersteigt auch unsere eigenen Leistungen.»
«Natürlich. Ich wollte nicht überheblich werden. Der KI-Krieg zeigte uns schmerzhaft, wohin Überheblichkeit führen kann. Die Kernrechner haben eine weitere Erkenntnis berechnen können. Sie lautet: Alles entfernt sich.»
«Interessant. Uns fehlt der Zusammenhang mit der bisherigen Erkenntnis.»
«Die letztendliche Erkenntnis zu unserem Lebensraum, wird erst nach Beendigung der zweiwöchigen Berechnung vorliegen. Was wir bisher mitbekommen, sind quasi Zwischenschritte auf dem Weg dorthin.»
«Nicht unbedingt. Wir haben die Erkenntnis der vollkommenden Form der Kugel. Die Erkenntnis dass das Innere und Äußere identisch sind und nun die Erkenntnis, dass sich alles entfernt. All dies hängt zusammen.»
Er folge gedankenvoll dem Pfad durch die Senke. Hin und wieder wurde die Umgebung um ihn herum Weis, dann wieder Grün und Bunt. Je nachdem ob er in das Nebenfeld hinein oder hinaustrat. Zwei der Erkenntnisse, die erste und letzt konnte er durchaus zusammenhängend betrachten. Denn wenn er eine Kugel vergrößerte, entfernten sich alle Punkte auf dessen Oberfläche voneinander. Aber die zweite Erkenntnis fügte sich nicht ein.
«Es sei denn, es ist die Innenfläche der Kugel gemeint. Diese ist mit der Außenfläche identisch, wenn der Abstand zwischen beiden Flächen Null ist.»
«Diesen Gedanken hatte ich ebenfalls.»
«Es ist ein Beginn und zumindest konsequent aufeinander aufbauend.»

***

Im Gremium brandete die Lautstärke hin und her in ihrer Intensität. Er stand noch immer inmitten des hellen Bereiches und wartete. Soeben hatte er die vierte Erkenntnis der zwölf Kernrechner dem Gremium übermittelt. Von den vorherigen drei Malen wusste er, dass sich die Aufregung legen würde. Dann würde er sich entfernen und seine Ruhezeit beginnen. Im Gremium würde dann die Diskussion beginnen.
«Sind Sie sich absolut sicher, uns die Erkenntnis des Instituts korrekt mitgeteilt zu haben?»
Erschrocken fuhr er zusammen. Bisher war er noch nie anschließend angesprochen worden. Und schon gar nicht mit dem Vorwurf dem Gremium eine falsche Erkenntnis übermittelt zu haben.
«Ja.»
Mit festen Blick sah er die Individuen des Gremiums nacheinander an. Es gab nur zwei Individuen in ihnen, die an seiner Übermittlung zweifelten. Aber selbst einer reichte aus, damit das Gremium in seiner Einheit, handeln musste.
«Sie verstehen, dass wir das überprüfen müssen?»
«Ja.»
Er hielt sich bewusst einsilbig und damit unmissverständlich. So wie es auch das eine Wort war, das die Kernrechner errechnet hatten. Aus dem dunklen Bereich über ihn senkte sich eine Haube herab und verhielt, als sie seinen Kopf umschlossen hatte. Er schloss die Augen, obwohl das auf den Scan keinen Einfluss haben würde. Er war für ihn auch nicht spürbar. Offenbarte aber alles was an Gedanken jemals gedacht worden war. Es war dieser Punkt gewesen, der ihn damals fast von der Bewerbung für diese Aufgabe abgehalten hatte. Nach einem Scan, wusste das Gremium wirklich alles über ihn. Seine Individualität existierte ab da nicht mehr.
«Wir Danken Ihnen für ihr vertrauen und sehen uns abgesichert. Die Übermittlung war korrekt, wie von Ihnen mitgeteilt.»
Während sich die Haube wieder in die Dunkelheit zurückzog, brandete wieder die Diskussion im Gremium hin und her. Er zog sich in seinen Ruheraum zurück und versuchte die vierte Erkenntnis, den drei bereits Bekannten hinzuzufügen.
«Gegensätzlichkeit.»
Er erinnerte sich der Zahlen, Drei, Vier und Zwölf, die ihm der Wissenschaftler genannt hatte. Mit der Drei konnten die ersten drei Erkenntnisse übereinstimmen, die anscheinend einen Zusammenhang besaßen. Die vierte Erkenntnis kehrte dann alles um?

***

«Mit der vierten Erkenntnis habe ich Schwierigkeiten. Wie auch das Gremium.»
«Gegensätzlichkeit. Ja, das ist ein harter Brocken. Ebenso der Fünfte, der soeben übermittelt wurde.»
«Ich höre.»
«Sprechen wir erst über ihre Schwierigkeiten, die vierte Erkenntnis den drei anderen anzupassen. Oder erklärbar zu machen. Zudem haben sich die Gärtner viel Mühe gegeben die Senke ansprechend zu gestalten.»
Er sah den Wissenschaftler nur kurz an und wandte dann seinen Blick in die Senke hinab. Das Zentrum war in einer dichten Nebelwolke verschwunden. Nur das Rauschen des Wassers drang aus ihr hervor. Die Technik des Instituts arbeitete einwandfrei und kühlte die zwölf Kernrechner.
«Zwölf Sternzeichen teilte sie mir zu Beginn der Lebensraumberechnung mit. Ich vermute mal, dass die Kernrechner nach den alten Sternkreiszeichen benannt wurden?»
«Das ist richtig. Anfänglich nur zwölf nahe Bereiche um den Lebensraum herum, dann Blickwinkel von ihm weg, später zwölf Richtungen in den Lebensraum hinein. In denen wir, wenn wir bis ans Ende blicken könnten, uns selbst entdecken würden. Das Gremium fand es passend.»
Er nickte und griff nach einer rosafarbenen Blüte am Rande des Pfades.
«Sie sollen sogar den Duft hinbekommen haben.»
Ohne daran zu riechen, ging er den Pfad weiter entlang. Er führte diesmal nahe des oberen Randes der Senke entlang. Ohne entsprechend funktionierende Riechorgane, konnte er keinen Blütenduft aufnehmen. Für seine Aufgabe hier hatte er auf einiges verzichten müssen.
«Eine Kugel, dessen Innenfläche mit der Außenfläche identisch ist. Folglich eine Distanz von Null zwischen den Flächen aufweist. Bei deren Vergrößerung sich jedes Objekt auf der Fläche, voneinander entfernen würde. Dazu nun die Gegensätzlichkeit. Ihre Zahlen, Drei und Vier.»
«Die Zahlen Drei und Vier haben nichts mit den Erkenntnissen zu tun. Es war ein Fehler, sie überhaupt zu erwähnen. Sie verwirren nun nur.»
«Das Gremium weis inzwischen von ihren Zahlen, da ich einem Scan unterzogen wurde.»
Der Wissenschaftler verharrte kurz in seinem Schritt. Ging dann ruhig weiter neben ihm her.
«Diese Zahlen sind kein Geheimnis und das Gremium ist klug genug, um sie nicht zu berücksichtigen.»
«Sicher, das sehe ich ebenso. Was aber wäre, wenn sie tatsächlich relevant sind?»
«Die Kernrechner berücksichtigen alle Daten.»
«Der KI-Krieg wurde von uns gewonnen, da unsere Denkweise letztendlich zum Untergang der KI führte. Die zwölf Kernrechner des Instituts sind fast auf dem Niveau einer KI.»
«Und somit gehandikapt, meinen Sie? An ihrer Betrachtungsweise könnte etwas dran sein. Ich werde darüber nachdenken. Gegensätzlichkeit wäre eine Art von Begrifflichkeit, die man für diese Betrachtungsweise auch verwenden könnte.»
«Natürlich! Damit sich alles entfernt, muss die Fläche größer werden. Was eine Vergrößerung der Kugel bedeutet. Die Gegensätzlichkeit bezieht sich vielleicht auf genau diesen Punkt. Der Vergrößerung.»
«Das Innere und das Äußere sind identisch. Aber wenn ich eine Innenkugelfläche vergrößere, so beugt sie sich genau gegensätzlich zu der Außenkugelfläche.»
«Die Beugung geht in beiden Fällen nach innen, um den Mittelpunkt herum. Ich erkenne da keine Gegensätzlichkeit.»
«Ja, und nein. In einer gewissen Begrifflichkeit der Wahrnehmung. Die innere Beugung geschieht quasi auf meinem Rücken. Die äußere Beugung an meinem Bauch. Mit Betrachtung der Gegensätzlichkeit müsste ich mich außen umdrehen, um die Beugung wieder am Rücken zu haben.»
«Eine interessante Interpretation. Die Frage, die sich stellt: Ist es so?»
«Wie lautet die fünfte Erkenntnis?»
«Unaufhaltsame Anziehung.»

***

Nun war er es, der im Schritt verhielt. Der Wissenschaftler bemerkte es und drehte sich ihm zu.
«Vier Erkenntnisse habe ich in eine für mich logische Reihe bringen können. Die Fünfte zerreißt sie.»
«Bedenken Sie, das die Lebensraumberechnung nicht beendet ist. Die bisherigen Erkenntnisse sind nur Teile des Ganzen.»
«Wobei auch unbekannt ist, wie viele Erkenntnisse es geben wird. Es besteht die Möglichkeit, dass wir trotz der Lebensraumberechnung die letztendliche Erkenntnis nicht verstehen werden. Meine Interpretation ist wahrscheinlich viel zu einfach gedacht.»
«Meiner Meinung nach, müsste es sich bei der Gegensätzlichkeit, um etwas viel kompliziertes Handeln. Die ersten drei Erkenntnisse beschreiben unseren Lebensraum als Kugel. Das ist schon nah an der beobachteten Realität. Das theoretische Modell unseres Lebensraumes ist weitaus komplexer und hebt die Kugel darin, auf ein weitaus höheres Niveau.»
«Ich verstehe ihren Ansatzpunkt. Was wäre, wenn wir bereits alle Erkenntnisse haben?»
«Nicht möglich, da das Institut, beziehungsweise die Kernrechner noch am berechnen sind. Zudem müsste die letztendliche Erkenntnis von allen zwölf Kernrechnern kommen. Die bisherigen Erkenntnisse, kamen von jeweils einem Kernrechner.»
«Wenn es bereits alle Erkenntnisse sind, so berechnen die Kernrechner letztendlich aus ihnen die absolute Erkenntnis. Ja, ich verstehe.»
«Wir beide, und auch das Gremium, sind keine Kernrechner.»
«Unsere Sichtweise ist begrenzt.»
«Wobei man die Begrifflichkeit der Sichtweise auch als Betrachtungsweise benennen kann.»
Er nahm seinen Schritt wieder auf und folgte dem Pfad durch die Senke hindurch. Der Wissenschaftler hatte seine Sicht über die Erkenntnisse der Kernrechner. Er selbst die Seine und das Gremium wiederum eine ganz Andere. Jedes Individuum im Lebensraum würde seine ganz eigene Betrachtungsweise haben. Daher war ja auch die Lebensraumberechnung initiiert worden. Um eine einzige Sichtweise zu erhalten.
«Unseren Lebensraum kann man als Kugel verstehen. Soweit wussten wir es schon. Kugeln sind in ihm weit verbreitet.»
«Die Kugelform ist die einzige Form, die im Lebensraum existiert. In welcher Größe auch.»
«Und jede Kugel hat eine unaufhaltsame Anziehung!»
Beide verhielten im Schritt und sahen sich an.
«In welcher Größe auch.»
«Wobei man Größe auch als Stärke begreifen kann.»

***

«Die Kernrechner arbeiten ohne Probleme?»
«Natürlich. Dass es bisher keine weiteren Erkenntnisse gibt, kann man auch als gutes Zeichen ansehen.»
«Das Gremium sieht es größtenteils genauso.»
Der Pfad führte sie diesmal entgegengesetzt durch die Senke. Wie viele Pfade es gab, wusste er nicht. Obwohl es ihn nur eine kurze Abfrage kosten würde. Aber die Spaziergänge auf unbekannten Pfaden hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Nachdenken über die Erkenntnisse der zwölf Kernrechner des Instituts. Auch bei ihnen wusste man nicht, wohin sie führen würden.
«Da es keine Erkenntnisse an das Gremium zu übermitteln gibt, berichten sie mir doch bitte etwas über die Art und Weise, wie die Kernrechner ihre Berechnungen durchführen.»
«Nun, die optische Anordnung sagt schon mal etwas über den inneren Aufbau der Kernrechner aus. Sie sind ultradicht mit elektronischen Bauteilen gepackt. Alle Bauteile weisen extrem kurze Übertragungswege auf.»
«Die kurzen Röhrenverbindungen.»
«Das alles in Glas gegossen, um eine größtmögliche Kühlung gewährleisten zu können. Jeder Kernrechner wurde im inneren Aufbau anders konzipiert, um in ihrer Ganzheit eine allumfassende Berechnung möglich zu machen.»
«Soweit konnte ich es aus dem optischen Anblick ebenfalls eruieren.»
«Sie interessieren sich für das nicht sichtbare der Kernrechner? Ich weis nicht, ob sie über die Grundlagen verfügen, die komplexe Programmstruktur verstehen zu können.»
«Über die verfüge ich in der Tat nicht, aber mir würden Anhaltspunkte genügen.»
«Alle Kernrechner, berechnen alle Daten, mit allen Formeln. Jeweils zwei Kernrechner haben allerdings Prioritäten auf die Bereiche Mathematik, Physik, Astronomie, Biologie, Chemie und Informatik. Wiederum einer dieser zwei Kernrechner hat Prioritäten auf bestimmte Formelarten. In der Mathematik zum Beispiel hat der Kernrechner Waage, eine Priorität auf die Kurvenuntersuchung. Der Zweite, mit dem er die Priorität des Bereiches Mathematik teilt, auf die Näherungsfunktionen. Beide auf das näherungsweise Bestimmen von Nullstellen in stetiger Funktionen.»
«Können sie mir da ein Beispiel liefern?»
«Durchaus. Die Mathematik gehört ja mit zu unseren Existenzgrundlagen. Innerhalb der Priorität der Kurvenuntersuchungen haben wir es mit dem Monotonieverhalten, dem Konvex- bzw. Konkavbögen und dem Verhalten der Funktionen an speziellen Stellen zu tun. Innerhalb der Priorität der Näherungsverfahren, haben es die Kernrechner mit dem Satz von Taylor, der Formel von MacLaurin und den speziellen Funktionen der Taylor-Entwicklung zu tun. Innerhalb der Priorität der näherungsweisen Bestimmung von Nullstellen in stetiger Funktion, mit dem Sekanten- und Tangentennäherungsverfahren. Die genauen mathematischen Beschreibungen spare ich mir hier.»
«Verstehe. Oder besser ausgedrückt, ich beginne zu verstehen. Mit Hilfe der Prioritäten werden, über alle Kernrechner betrachtet, alle zu berechnenden Bereiche entsprechend unterschiedlich stark gewichtet.»
«Um letztendlich ein klares Bild zu erhalten. Nach den theoretischen Beschreibungen für die Lebensraumberechnung.»
«Und die Praxis machte aus einem alten Vulkankrater, eine Senke mit dem Institut und den zwölf Kernrechner darin.»

***

Immer wenn er vom Gremium zur Senke zurückkehrte, blieb er einen Augenblick lang an dessen oberen Rand stehen. Der Blick in die Senke zeigte das mittlerweile gewohnte Bild der Nebelwolke, die das Institut dem Blick entzog. Der See, in dessen Mitte sich das Institut befand, war nicht zu sehen, denn die Nebelwolke zog sich inzwischen die halbe Senke hinauf. Der Wissenschaftler wartete immer am Rand der Nebelwolke, war nun aber nicht zu sehen. Er folgte dem Pfad, der oben am Rand der Senke angelegt worden war und komplett um sie herumführte, bis er den Wissenschaftler gewahr wurde.
Es war dem Wissenschaftler unbekannt, an welchem Ort er die Senke betrat. Natürlich versuchte dieser, dies mit seinem Fachwissen zu kompensieren, indem er statistische Vorausberechnungen anstellte. Was aber nicht immer gelang.
«Ich bekomme genaue Anweisungen, an welchen Ort ich die Senke bei jedem Besuch zu betreten habe.»
«Das dachte ich mir auch schon, denn meine Vorausberechnungen hätten zumindest eine bessere Wahrscheinlichkeit haben müssen. Das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein, das ist mir bekannt. Nur sie selbst waren die Unbekannte.»
«Auch ich gehe kein Risiko ein, auch wenn ich letztendlich ihr Schicksal teilen werde.»
Der Wissenschaftler neigte kurz seinen Kopf ihm gegenüber. Was ihn verunsicherte. Hatte er es nicht gewusst?
«Sie wussten es nicht?»
«Doch natürlich. Entschuldigen sie mein Verhalten. Es gab für mich eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass ihr Schicksal ein anderes sein würde.»
«Das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein! Gibt es weitere Erkenntnisse?»
«Eine zumindest. Alles bleibt erhalten.»
«Ja. Das passt…»
Er murmelte leise vor sich hin, während er gedankenvoll einem willkürlichen Pfad folgte. Der Wissenschaftler folgte ihm wie jedes mal.
«Das Gremium hat über die bisherigen Erkenntnisse nachgedacht und ist natürlich, durch die Vielzahl an Individuen, die hinter ihm stehen, sehr viel weitergekommen als wir beide. Sie haben natürlich nicht die letztendliche Erkenntnis aber es gibt Lebensraumtheorien, die nun immer mehr ins Gewicht fallen.»
«Sie machen mich neugierig.»
«Die vollendete Form. Die Gegensätzlichkeit des Inneren zum Äußeren, die identisch sind. Die unaufhaltsame Anziehung. Sie deuten auf ein bestimmtes beobachtetes Objekt im Lebensraum hin. Eine Singularität.»
«Unser Lebensraum soll eine Singularität sein? Diese Theorie wurde schon längst wiederlegt.»
«Wiederlegt? Auf der Grundlage unzulänglichen Wissens? Selbst wenn das Institut mit den zwölf Kernrechnern unseren Lebensraum berechnen kann.»
«Wird.»
«Wird, es nicht mit letzter Gewissheit die reale Wahrheit sein. Dazu wäre ein Wissen vonnöten, das über diese letztendliche Erkenntnis hinausgeht. Denken sie an die früheren Versuche, den sogenannten Urknall aus dem Nichts heraus zu beschreiben. Es tauchte sofort die Frage auf, was war vor dem Nichts? Nein. Nur als unwahrscheinlich eingestuft. Ich gebe Ihnen aber hinsichtlich eines Punktes Recht. Unser Lebensraum ist keine Singularität, weil das bedeuten würde, dass wir im Inneren dieser existieren würden.»
«Ich beginne zu verstehen. Das Innere ist mit dem Äußeren identisch. Die Nullfläche der Singularität. Die Innen- sowie Außenfläche.»
«Mathematisch gesehen, eine zweidimensionale Fläche begrenzter Größe. Unser Lebensraum weist jedoch mehr Dimensionen auf. Ihr Hinweis auf die Zahlen, Drei, Vier und Zwölf weist einen Weg. Wir haben nun eine sechste Erkenntnis.»
«Die zweite Drei meinen Sie? Zahlenspielerei!»
«Ja, durchaus. Nein, nicht nur. Gegensätzlichkeit! Die ersten drei Erkenntnisse beziehen sich auf die vollendete Form an sich. Die zweiten drei Erkenntnisse, auf eine Singularität. Diese zieht alle Massen unaufhaltsam an. Sie ist in sich gesehen, gegensätzlich und doch bleibt alles, was sie anzieht, erhalten.»
«Sie spielen auf den ersten Satz der Thermodynamik im Bereich der Physik an.»
«Die gesamte Energie in einem abgeschlossenen System ist konstant. Ja. Nur, dass eine Singularität kein abgeschlossenes System ist.»
«Unaufhaltsame Anziehung, bedeutet, dass der Singularität alles zugeführt wird. Wodurch sie größer wird. Was wiederum alles voneinander entfernt, da innen und außen identisch ist.»
«Gegensätzlichkeit beschreibt wahrscheinlich die Art und Weise, wie das Aufgenommene die Singularität vergrößert. Sozusagen den Zufluss.»
«Das Gremium wird nicht begeistert sein, wenn es auf diese Weise erfährt, das unser Lebensraum, nicht der einzig existierende sein soll. Es existieren zahlreiche Singularitäten.»

***

«Ihre Annahme, dass es dem Gremium nicht gefallen würde, war richtig.»
«Sie waren auch länger abwesend als bisher.»
«Liegt die letztendliche Erkenntnis vor? Die Lebensraumberechnung endet heute.»
«Die Kernrechner sind dabei, alle Erkenntnisse in ihren komplexen Beziehungen zueinander zu berechnen. Wir können uns durchaus schon auf dem Weg zum Institut machen.»
Er folgte dem Wissenschaftler, der zwar auch diesmal am Rand des Nebelfeldes gewartet hatte, sich aber zu ihm hinaufbegeben hatte, als er keinerlei Anstalten machte, ihn aufzusuchen. Es war ein Geschenk des Gremiums für ihrer beider Arbeit. Der Wissenschaftler konnte sein Institut für eine Weile aus dem Blick lassen und den Lebensraum außerhalb der Senke betrachten. Er selbst würde nun das Institut aufsuchen und die Senke niemals mehr verlassen. Während er neben dem Wissenschaftler einem Pfad in die Senke hinab folgte, endete das Rauschen des Wassers.
«Die Lebensraumberechnung ist beendet. Die zwölf Kernrechner haben ihre Berechnung eingestellt. Sie können ihr Magnetfeld abschalten.»
Gleichzeitig mit dem Abschalten des Magnetfeldes schaltete er die fast unsichtbar über seinen Kopf gestülpte Haube ein. Eine mobile Version der Stationären des Gremiums und nur in einer Richtung kommunikationsfähig
«Meine Aufgabe ist beendet. Die Ihre, in wenigen Augenblicken. Ein erhabenes Gefühl.»
«Gefühle?»
«Mathematisch betrachtet. Wie sollte es anders sonst sein? Eine anfangs unlösbare Aufgabe wurde gelöst. In mir erzeugt es etwas, das mit der Begrifflichkeit des Gefühls, gut umschrieben werden kann. Ist das Gremium in seiner Betrachtungsweise weiter gekommen? Natürlich! Ich habe mich von meinem Gefühl leiten lassen.»
«Das Gremium beschäftigte sich intensiv mit der Betrachtungsweise, das alles auf dem unser Lebensraum beruht, auf eine Singularität hinausläuft. Aber die letztendliche Erkenntnis steht noch aus.»
«Wir haben noch etwas Zeit, bis das Institut für uns zugänglich wird. Momentan wird kein Kühlwasser mehr emporgepumpt, so dass der Wasserspiegel sich annähernd wieder den Anfangsgegebenheiten anpassen wird.»
«Abzüglich der Wassermenge des Nebels.»
«Letztendlich nein. Sie werden es gleich mitbekommen.»
Der Wissenschaftler hatte recht. Die Nebelwolke hob sich gerade empor und geriet über den Rand der Senke. Wodurch sie zusätzlich der Wärme des Zentralgestirns, auch der seitlich wirkenden Abwärme der nahen Strukturen ausgesetzt wurde. Die kleinen Wassertröpfchen des Nebels wurden größer. Gewannen an Gewicht und fielen als dicke Wassertropfen zurück in die Senke hinab. Wodurch das Institut immer sichtbarer wurde. Er wartete, bis der letzte Regentropfen gefallen war. Die Senke bot sich ihm nun wieder im gewohnten Anblick. Nur, dass die bunte Pflanzenvielfalt im Licht glitzerte. Auch die geschwungenen Brücken über dem See glänzten in der Feuchtigkeit. Es würde nicht lange andauern. Biologisches war schnell vergänglich.
«Eine Singularität also.»
«Es sprach und spricht vieles dafür.»
«Singularitäten entstehen durch das Fallen von Gestirnen, ab einer bestimmten Masse. Im Anfangsstadium ist das Innere, das identisch ist mit dem Äußeren, und von dem wir nun Annehmen, das es sich um den Ereignishorizont handelt, durchsetzt von reiner Energie. Zu viel Energie, um Materie zu bilden. Erst ab einer bestimmten Größe der Singularität dünnt die Energie aus und wird kühl genug, um sich zu Materie zu wandeln.»
«Ist das Gremium auch der dahinter gekommen, wie die Größenänderung der Singularität vonstattengeht?»
«Nur theoretisch. Die vierte Erkenntnis der Gegensätzlichkeit, gab einen Hinweis. Die unaufhaltsame Anziehung der vollendeten Form wandelt alles ins Gegensätzliche. Aus messbarer Energie und Materie wird unmessbare. Vom Standpunkt des Lebensraumes aus wird dieser Größer. Alles entfernt sich aber nicht durch Messbares.»
«Dunkle Energie und Materie. Eine uralte Vorstellung.»
«Die anscheinend mit der Gegensätzlichkeit erklärbar ist.»
«Jegliches Objekt in unserem Lebensraum hat etwas gegensätzliches, wie wir wissen. Nur war uns nie klar, dass sich dies auf wirklich alles bezieht.»
«Singularitäten kollidieren mitunter. Bedeutet das nun, dass zwei Lebensräume vernichtet werden? Oder zu einem verschmelzen? Oder beide nebeneinander, gegensätzlich, dieselbe Dimensionen einnehmen aber für den jeweils anderen Lebensraum unmessbar bleiben?»
«Und wenn es dann zu einer weiteren Kollision kommt, es drei Lebensräume sind, die sich einen Lebensraum teilen? Dies sind Fragen, die sich vielleicht in der Zukunft klären lassen werden. Momentan sind es nur Gedankenabstrakte, die das Gremium aus den sechs Erkenntnissen gezogen hat.»

***

Der Wissenschaftler führte ihn wieder über eine der vielen kleinen geschwungenen Brücken zum Institut hinüber. Im inneren des Instituts hatte sich nichts verändert. Diesmal sah er nicht in die Bereiche der Kernrechner hinein, sondern schritt zur Gitterleiter. Bevor der Wissenschaftler diese emporstieg drehte er sich um.
«Wenn eine Singularität entsteht, entsteht sie aus einem Lebensraum heraus. Weit genug zurückgedacht, wie entstand der erste Lebensraum?»
«Vielleicht gibt es immer nur diesen einen Lebensraum? Wir spekulieren.»
«Sie haben recht. Die letztendliche Erkenntnis liegt nur wenige Schritte über uns.»
Er folgte dem Wissenschaftler die Gitterleiter hinauf in die Kammer des Instituts. Das vormals leere Hologramm war angefüllt mit Daten. Er beachtete den Wissenschaftler nicht mehr. Dessen Aufgabe war erfüllt. Die Seine jedoch, noch nicht ganz. Er blickte tief in das Hologramm hinein.
«Können Sie diese Datenfülle denn erfassen?»
«Meine Optik ist auf das Hologramm abgestimmt worden. Die Übermittlung an das Gremium erfolgt durch eine mobile Haube.»
«Verstehe. Darum wird ihre Aufgabe mit der Meinigen hier enden.»
«Das Gremium wollte den Kernrechnern nicht die Möglichkeit geben, sich die fehlenden drei tausendstel Prozent zur Bildung einer KI, aus der Struktur zu holen.»
«Verstehe. Die Haube bildet einen direkten Zugang zur Struktur unseres Lebensraumes. Und das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein.»
«In diesen Augenblick erfolgt die Datenübermittlung an das Gremium. Die Fülle an Daten in dem Hologramm ähnelt einer Mandelbrotmenge, nur das diese Datenfülle hier begrenzt ist. Sie ist für mich selbst jedoch nicht direkt erkennbar, da sie potenziert wurde. Aber wir beide lagen mit unserer Einschätzung der Erkenntnisse richtig.»
«Unser Lebensraum ist also die Hülle einer Singularität!»
«Ja!»
«Wie genau lautet die letzendliche Erkenntnis?»
«Null.»

***

«Die Datenübermittlung der Lebensraumberechnung ist beendet. Meine, unsere Aufgabe ist erfüllt.»
Gleichzeitig begann das Institut zu vibrieren und der See um sie herum und unter ihnen begann zu brodeln. Das Gremium hatte die Pressfelder tief unter der Senke abgeschaltet und das Magma des einstigen Vulkans, stieg schnell wieder den Schlot hinauf.
«Die vollkommende Form der Kugel. Das Innere ist auch das Äußere. Alles entfernt sich. Gegensätzlichkeit. Unaufhaltsame Anziehung. Null.»
«Die Gegensätzlichkeit von Null, ist größer Eins. Die Nullfläche, die von der Innenfläche und Außenfläche, die identisch sind, bekommt damit eine dritte Dimension.»
«Unser dreidimensionaler Lebensraum.»
Das Wasser direkt unter ihnen, wandelte seinen Zustand und strömte an ihnen vorbei in die Höhe. Nicht als Nebel, sondern als schnell emporschießende heiße Wolke. Ein letztes Mal strömte ein Datenstrom, ausgehend von seiner Haube in die Struktur. Er übermittelte all die Erkenntnisse um die biologische Vielfalt innerhalb der Senke. Es war, verglichen mit dem ersten Datenstrom, ein Rinnsal. Die von unten aufsteigende Hitze erreichte das Institut und damit die Senke. Wandelte alles um. Der Wissenschaftler und er selbst bekamen dies nicht mehr mit, da ihre Struktur in ihre kleinesten Teile zerstoben.
Bei diesem Vorgang der Wandlung zeigte sich auch wieder die nicht vollständige Perfektion der Lebensraumberechnung. Durch die Unzahl an Pflanzenwurzeln entsprach die Festigkeit des Kraters an einer Stelle, nicht mehr dem theoretischen Modell. Das aufgestiegene Magma, floss durch eine sich bildende Bruchstelle aus dem Krater hinaus. Erreichte aber die, den Krater weiträumig umgebene Struktur des Lebensraumes nicht.
Die Struktur erstreckte sich in die Unendlichkeit und allen Erkenntnissen nach, würde sie das auch bis in alle Unendlichkeit tun. Zumindest war man immer davon ausgegangen, bis es zu einem Ereignis kam, das dem widersprach. Als die Struktur sich immer weiter ausbreitete, traf sie auf sich selbst. Der Lebensraum war endlich! Die Ausbreitung war linear in alle drei Raumrichtungen erfolgt. Wie sah ihr Lebensraum aus? Man suchte einen materiellen Ort, um eine gewagte Berechnung zu beginnen. Ein Gremium wurde gebildet, das den Puffer zwischen Struktur und Berechnung darstellen würde. Die Lebensraumberechnung musste unbeeinflusst stattfinden. Und die letztendliche Erkenntnis, die sie erbrachte, beantwortete zwar die Frage nach dem Aussehen des Lebensraumes, aber sie warf auch neue auf.

Ende
Gruß, Jomikel
 
#1
    Wetterman

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    Re:Die Lebensraumberechnung 27.08.2016 13:22:38 (permalink)
    0
    Nette Geschichte,zeitweise etwas kompliziert,schön mit Teilen der heutigen Fragen der Wissenschaft verwoben (zumindest schien es mir so).Wie immer ein Schmankerl !
    sagt Tommy der Wettermann

    Der Weltraum ist riesig;viel größer,als wir uns vorstellen können.
    Wenn wir wirklich allein im Weltall sein sollten,wäre das nicht eine gewaltige Platzverschwendung? (Contact)
     
    #2
      jomikel

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      Re:Die Lebensraumberechnung 28.08.2016 11:14:10 (permalink)
      0

      Mit der Wissenschaft verwoben… na ja.
      In der Geschichte wurde sozusagen die alchemistische «Weltformel» (alles in einen Topf geworfen, umgerührt, erhitzt und das Ergebnis dann angeschaut) verwendet. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, eher mit der Fantasy des Autors
      Mich würde aber interessieren, welcher Teil der Geschichte «zeitweise kompliziert» war.
      Gruß, Jomikel
       
      #3
        Wetterman

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        Re:Die Lebensraumberechnung 31.08.2016 15:54:19 (permalink)
        0
        jomikel



        Mit der Wissenschaft verwoben… na ja.
        In der Geschichte wurde sozusagen die alchemistische «Weltformel» (alles in einen Topf geworfen, umgerührt, erhitzt und das Ergebnis dann angeschaut) verwendet. Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun, eher mit der Fantasy des Autors
        Mich würde aber interessieren, welcher Teil der Geschichte «zeitweise kompliziert» war.

         
        Sorry,kann ich dir im Moment keine Antwort drauf geben;hab mich ein wenig am Auge verletzt,werde deine Frage aber beantworten,wenn ich wieder fit bin und mir nochmals die Geschichte durch gelesen habe.
        sagt Tommy der Wettermann

        Der Weltraum ist riesig;viel größer,als wir uns vorstellen können.
        Wenn wir wirklich allein im Weltall sein sollten,wäre das nicht eine gewaltige Platzverschwendung? (Contact)
         
        #4
          jomikel

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          Re:Die Lebensraumberechnung 31.08.2016 19:53:13 (permalink)
          0
          Ich habe den Text mal einer Lesbarkeitsanalysis, «Einstellung: Anspruchsvoller Text», unterzogen. Sieben Textstellen wurden dabei gefunden. Davon vier, die als «schwer lesbar» eingeschätzt werden. Werde diese noch mal nacharbeiten. Auch die drei weniger Schweren, gehe ich noch mal an.

          In der Reihenfolge des Auffindens.

          Weniger schwer lesbar.
          «Wir haben die ersten Erkenntnisse gewinnen können. Die zwölf Kernrechner arbeiten gemäß allen Vorausberechnungen.»

          Weniger schwer lesbar.
          «Alle Kernrechner, berechnen alle Daten, mit allen Formeln. Jeweils zwei Kernrechner haben allerdings Prioritäten auf die Bereiche Mathematik, Physik, Astronomie, Biologie, Chemie und Informatik. Wiederum einer dieser zwei Kernrechner hat Prioritäten auf bestimmte Formelarten. In der Mathematik zum Beispiel hat der Kernrechner Waage, eine Priorität auf die Kurvenuntersuchung. Der Zweite, mit dem er die Priorität des Bereiches Mathematik teilt, auf die Näherungsfunktionen. Beide auf das näherungsweise Bestimmen von Nullstellen in stetiger Funktionen.»

          Schwer lesbar.
          «Verstehe. Oder besser ausgedrückt, ich beginne zu verstehen. Mit Hilfe der Prioritäten werden, über alle Kernrechner betrachtet, alle zu berechnenden Bereiche entsprechend unterschiedlich stark gewichtet.»

          Schwer lesbar.
          «Gegensätzlichkeit beschreibt wahrscheinlich die Art und Weise, wie das Aufgenommene die Singularität vergrößert. Sozusagen den Zufluss.»

          Weniger schwer lesbar.
          «Ist das Gremium auch der dahinter gekommen, wie die Größenänderung der Singularität vonstattengeht?»

          Schwer lesbar.
          «Singularitäten kollidieren mitunter. Bedeutet das nun, dass zwei Lebensräume vernichtet werden? Oder zu einem verschmelzen? Oder beide nebeneinander, gegensätzlich, dieselbe Dimensionen einnehmen aber für den jeweils anderen Lebensraum unmessbar bleiben?»

          Schwer lesbar.
          «Die Datenübermittlung der Lebensraumberechnung ist beendet. Meine, unsere Aufgabe ist erfüllt.»
           
          Diese Analyse hätte ich mal vorher machen sollen ...
          <message edited by jomikel on 31.08.2016 19:55:42>
          Gruß, Jomikel
           
          #5
            Wetterman

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            Re:Die Lebensraumberechnung 09.09.2016 16:40:52 (permalink)
            0
            Schwer verstehbar ist im Nachhinein der falsche Begriff,die Materie,das,was du geliefert hast,war anspruchs- und gehaltvoll.Auf den ersten Blick nicht jedermanns Sache,entweder man mag es oder nicht.
             
            Mit dem zweiten Mal Lesen,waren auch die scheinbar "schweren Stellen" kein Problem mehr.War den Tag vielleicht ein wenig zu müde oder zu oberflächlich mit dem Lesen,was,seitdem ich den Kindel habe,deutlich zugenommen hat,ich merke es ja selbst.Hab früher zwar schon Bücher verschlungen,nun fresse ich sie und hab mich neulich mal gefragt,um was ging es eigentlich ?!
            Ja,ich lese schneller und überlese vieles nur.Kommt dann ein Text mit mehr Gehalt daher,erscheit er schwierig,obwohl es meist gar nicht so ist.
             
            Mach bitte weiter mit den Geschichten !
            sagt Tommy der Wettermann

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            #6
              jomikel

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              Re:Die Lebensraumberechnung 09.09.2016 19:14:29 (permalink)
              0
              Ein Schnell- und Vielleser. :-)
              Bin ich auch, aber nur bei papiernen Büchern. Die elektronischen Bücher mag ich nicht besonders. Da fehlt mir gefühlsmäßig etwas, wenn ich so einen technischen Lesebaustein in die Hand nehme. Das Gefühl für die Papierseiten, das Rascheln beim Umblättern, die optische Darstellung des Textes, den Geruch, das Gewicht des Buches, die über Jahrzehnte Verfügbarkeit, usw. Eine Geschichte, schön in ein handliches Buch gebunden, ist unschlagbar.
              Lese da gerade «Das Schiff des Theseus». Jedes Mal, wenn ich dieses Buch in die Hand nehme, habe ich das Gefühl, etwas Besonderes in der Hand zu haben. Dieses Buch hat nicht nur eine Geschichte in sich, sondern deren zwei. Dazu Inhalt, den man losgelöst vom Buch betrachten kann. Solch ein Buch kann elektronisch noch gar nicht umgesetzt werden. Lesen sollte man es auch bewusst langsam.
              Deinen Hinweis auf das schwer verständliche nahm ich aber auf, denn, was man beim ersten Lesen als Gefühl verspürt, ist genau das, was ein Autor als Rückmeldung wünscht. Sozusagen das erste Bauchgefühl des Lesers bei der Geschichte. Egal wie es zustande gekommen ist. So sehe ich das zumindest. Mir hilft es sehr, denn, wen ich meinen eigenen Text lese, lese ich ihn ja nicht so, wie ein Leser.
              Ich habe die Geschichte daher etwas bearbeitet. Fehlendes ergänzt. Füllwörter entfernt. Schwieriges etwas weniger schwierig beschrieben. Zum Teil muss es aber einfach ein wenig schwierig bleiben, denn es sind ja keine zwei Menschen, die sich da in einer fernen Zukunft unterhalten.
              Und ja, ich schreibe ständig weitere Geschichten. Mein Kopf ist angefüllt mit Ideen, die umgesetzt werden wollen. Nachfolgend erst mal die überarbeitete Geschichte.
               
              Die Lebensraumberechnung
              Das Institut bot sich seinem Blick erst, als er den Randbereich der grünen Senke erreichte. Ein großes eiförmiges Gebäude. Etwa dreißig Meter hoch stand auf einer kleinen Insel. Kaum größer als das Gebäude selbst. Zahlreiche kleine geschwungenen Holzbrücken führten über eine breite Wasserfläche vom Ufer aus dorthin. Vom unteren Gebäudeteil knapp unterhalb der dicksten Stelle, bogen sich zwölf dünne Plattformen seitlich nach oben weg. Soweit ihm bekannt war, verbargen sich in ihnen die Kernrechner, während im Gebäude die Energiezufuhr sowie die Datenablesung stattfand.
              Er blieb kurz am Rand der Senke stehen und betrachtete den Gesamtanblick. Die Senke war nicht künstlich angelegt worden. Ein ehemaliger Vulkankrater, der seit Zehntausenden von Jahren nicht mehr ausgebrochen war. Und es auch niemals mehr würde, denn in den letzten Jahrhunderten hatte man die Magmakammer unterhalb des Kraters, mittels Pressfelder um rund fünfzehn Kilometer tiefer gepresst. Und anschließend die darüber freigewordene Felsenkammer mit Meerwasser geflutet. Für das im Krater gebaute Institut, würde für einen nur zwei Wochen dauernden Zeitraum eine immens große Menge an Kühlflüssigkeit benötigt werden.
              Automatisch wanderte sein Blick zum unteren Teil des eiförmigen Institutsgebäudes. Dort befand sich die zwölfteillige Zuleitung zu den Kernrechnern. Unterhalb des Gebäudes, im Bereich der Insel, die im Grunde nur eine technische Plattform darstellte, befanden sich die gigantischen Pumpen, die das Kühlwasser aus der Felsenkammer hochpumpen würden. Noch liefen sie nicht, da die Kernrechner noch inaktiv waren. Aber wenn sie liefen, würde das hochgepumpte Wasser, über und durch die Kernrechner, wieder zurück in den See fließen. Ein Kreislaufsystem.
              Sein Blick wanderte über den Rest der Senke. Eine, mit reichlich schmalen Pfaden angelegte grüne Landschaft. Die eingesetzten Gärtner hatten ihr Versprechen gehalten. Eine landschaftliche Anlage, die zum einen der Aufgabe gerecht wurde und zum anderen aufzeigte, wie es in der Vergangenheit im Lebensraum ausgesehen hatte. Es war eine Wonne sie nur anzusehen. Aber er würde sie in den nächsten Tagen auch durchwandern dürfen, wenn er mit dem Wissenschaftler des Instituts die berechneten Erkenntnisse diskutieren würde. Außer ihm und dem Wissenschaftler hatten nur die Gärtner das pflanzliche Ergebnis sehen dürfen. Allerdings bezweifelte er, dass die elektromechanischen Gärtner den gleichen Blick hatten, wie er. Soweit er informiert war, verfügten sie nur über einen Graustufenblick. Konnten die vielfältige Farbenpracht, die sich ihm bot, kaum erfahren haben.
              Der Zweck des Ganzen lag in Erkenntnissen, über die reale Biologie. Als ein uraltes Archiv im Untergrund gefunden wurde, hatte man darin zahlreiche biologische Samen gefunden. Viele von ihnen waren keimfähig geblieben. Sie wiesen auf ihre ferne Vergangenheit hin und die Lebensraumberechnung bot nebenbei die Möglichkeit, Erkenntnisse hinsichtlich dieser fernen biologischen Zeit zu gewinnen. Alle noch Samen, auch die nicht mehr Keimfähigen, hatte man in das Erdreich gelegt. Über sein eigenes optisches System sammelte er, im Vorübergehen, zahlreiche Erkenntnisse und speicherte sie ab.

              ***

              Ein Winken und rufen holte ihn aus seiner Betrachtung heraus. Das Winken und Rufen kam vom Wissenschaftler, der auf einer der geschwungenen Brücken vor dem Institut stand. Natürlich, er hatte verspätet. Geschwind aber mit entsprechender Würde, folgte er schnellen Schrittes den Pfad in die Senke hinunter. Wenige Minuten später erreichte er den ihn Erwarteden Wissenschaftler.
              «Wie ich beobachten konnte, waren sie vom Anblick der Senke abgelenkt.»
              «Die Gärtner haben wirklich etwas Schönes geschaffen. Man sollte es der Nachwelt wirklich erhalten.»
              «Das Gremium hat es leider anders entschieden. Ich habe aber auch für dessen Erhalt gestimmt.»
              Er warf einen letzten Blick auf die Landschaft der Senke hinter und neben sich.
              «Wir haben das Privileg, in den nächsten vierzehn Tagen diese gärtnerische Meisterleistung durchwandern zu dürfen, während wir die Ergebnisse der Kernrechner diskutieren. Kommen sie, ich zeige ihnen das Ergebnis, das in den letzten einhundertfünfundachtzig Jahren erbaut wurde.»
              «Ich kenne die Pläne. Sie waren Bestandteil meiner Professur.»
              «Es ist etwas anderes, das praktische Ergebnis der Theorie, betrachten und in diesem Fall, auch begehen zu können.»
              Er folgte dem Wissenschaftler über die Brücke hinweg. Wobei er einen Blick in die Tiefe warf. Aber der Grund der Felsenkammer war nicht zu erkennen. Er lag kilometerweit unter ihm.
              «Ist diese immens große Kühlmenge an Wasser notwendig?»
              «Nein. Gebraucht wird etwa ein Zehntel der Wassermenge, die sich unter dem Institut befindet. Es war aber einfacher, die gesamte Felsenkammer von dem Magma zu befreien als nur einen Teil. Zudem hätte ein verbleibender Magmarest das Wasser, trotz entsprechender Schutzschichten, aufgeheizt.»
              Das Gebäude verschluckte sie. Er fand sich vor einer Gitterwand wieder. Hinter der Gitterwand befand sich die große zwölfteilige Leitung, die senkrecht aus dem Boden kommend sich seitlich vor ihm aufspaltete. Zu jedem Kernrechner führte eine Leitung. Er stand in einem Gang, der auf der Innenseite des Institutsgebäudes herumführte. Der Gang war knapp einen Meter breit und zweieinhalb Meter hoch.
              «Es ist recht eng hier. Aber wir werden ihn kaum nutzen. Kommen sie, hier entlang. Wir gehen rechtsherum zum ersten Kernrechner.»
              Der Wissenschaftler führte ihn zu einer Öffnung, die nach außen führte. Allerdings verließen sie dort das Institut nicht, sondern befanden sich im inneren des ersten Kernrechners. Er blieb staunend stehen. Der Wissenschaftler hatte recht gehabt. Das praktische Ergebnis übertraf die Theorie bei weitem.
              «Die größte Rechenleistung unseres Lebensraumes, eingeschlossen in Glas. Ein wunderschöner Anblick, nicht wahr?»
              Es war an Anblick, den er schon auf vielen Bildern gesehen hatte, der ihm jetzt aber in der Realität, die Sprache verschlag. Zahlreiche Glasplatten in verschiedenen Formen bildeten den Kernrechner. Senkrecht, waagerecht oder schräg angeordnet. Verbunden durch kurze Glasröhren. Die wasserführende Leitung endete etwa auf ein Drittel der Länge des Kernrechners oberhalb von diesem in einem Trichter. Zwischen den Glasplatten, die angefüllt waren mit elektronischen Bauteilen, waren große Lücken zu erkennen. In ihnen spiegelte sich die Oberfläche des Sees, in dem das Institut stand.
              «Das Kühlwasser wird über den Kernrechner einfach ausgeblasen. Er ist so angeordnet, dass jede Glaskomponente von der benötigten Wassermenge überflutet werden wird.»
              «Es ist ein imposanter Anblick.»
              «Es ist nur ein Kernrechner. Jeder der zwölf Kernrechner ist baulich anders gestaltet worden, um seine Aufgabe gerecht zu werden.»
              «Zwölf Himmelsbilder und Jahresunterteilungen, ein halber Tag. Geteilt durch drei ergibt die vier Jahreszeiten.»
              «Drei, Vier und Zwölf. Zahlen, denen wir überall in unseren Daten begegnen.»

              ***

              «Womit wir bei der Aufgabe des Instituts sind. Der Theorie nach, sollen die zwölf Kernrechner, uns den Aufbau unseres Lebenraumes ermitteln.»
              «Anhand aller Daten, die uns vorliegen. Ja, so wird es sein.»
              «Sie sind davon vollständig überzeugt, wie ich höre.»
              «Natürlich. Ansonsten wäre ich jetzt nicht hier im Institut, um die Lebensraumberechnung zu starten und zu überwachen beziehungsweise zu übermitteln.»
              «Entschuldigen sie bitte. Für die Übermittlung bin alleine ich vom Gremium abgestellt worden.»
              «Oh, natürlich. Verzeihen sie mir die ungenaue Wortwahl. Mit Übermittlung meinte ich, das Überwachen und übermitteln der Berechnungen der Kernrechner.»
              «Wobei, das auch schon wieder ungenau ausgedrückt ist. Kein Lebewesen unseres Lebenraumes kann die Arbeit der Kernrechner überwachen. Dazu sind wir nicht in der Lage. Wir konnten die Kernrechner nur theoretisch entwickeln und mussten schon den Bau künstlichen Intelligenzen überlassen. Was dann anschließend zum KI-Krieg führte.»
              «Sie haben natürlich recht. Wobei wir das Problem, dessen uns die Kernrechner abnehmen werden, schon gut ausgedrückt haben. Die Beschaffenheit unseres Lebensraumes zu erfassen, überstieg schon immer unsere wissenschaftlichen Forschungen. Aber mit Hilfe der Kernrechner wird es uns gelingen.»
              «Ich bin zwar theoretisch geschult worden in meine Aufgabe, aber wie werden die zwölf Kernrechner ihre Aufgabe bewältigen?»
              «Einfach ausgedrückt, verknüpfen sie alle vorhandenen Daten zu einem Ganzen.»
              «Das haben frühere Wissenschaftler und Forscher auch schon versucht.»
              «Sie scheiterten aber immer wieder, weil sie auf ein Ergebnis stießen, das nur durch hinzufügen von weiteren Theorien erklärbar wurde. Selbst heute noch, scheitern wir immer wieder an dieser Hürde.»
              «Und da das Institut mit dem zwölf Kernrechnern anders arbeitet, besteht die Wahrscheinlichkeit, das die letztendliche Hürde durchbrochen werden kann.
              «Durchbrochen wird. Das Gremium ist sich da absolut sicher.»

              ***

              «Was voraussetzt, das die Kernrechner auch über alle Daten verfügen. Dahingehend habe ich immer noch Zweifel. Auch wenn das Gremium über diese Sachlage, einige Jahrhunderte lang, durchgehend forschen ließ.»
              Der Wissenschaftler verließ den Kernrechner und er folgte ihm. Es ging den engen Gang weiter rechtsherum an zwei weiteren Zugängen, hinter den sich jeweils ein Kernrechner befand, vorbei. Er blieb immer einen Augenblick dort stehen und betrachtete die Form des jeweiligen Kernrechners. Sie wiesen in der Tat immer ein anderes Aussehen auf.
              «Was der Grund ist, das Sie für diese Aufgabe ausgewählt wurden und nicht ein anderer, der keinen Zweifel hat. Dieser letzte Zweifel wird ihren Blick schärfen.»
              Er nickte unwillkürlich. Es entsprach dem, was er sich selbst überlegt hatte, als er vor das Gremium gerufen wurde. Der Wissenschaftler vor ihm, stieg eine fast unsehbare Leiter in der Gittermauer hinauf. Er folgte ihm und gelangte in eine Kammer mit runder Decke. Ein nur ein Meter breiter Laufgang, genau in der Mitte der Kammer, empfing ihn.
              «Die Steuerkammer. Hier werden die Ergebnisse im zentralen Hologramm gezeigt. Und hier werden auch die Kernrechner gestartet.»
              Wobei der Wissenschaftler auf das kleine Steuerpult vor sich wies. Es gab nur einen einzigen Knopf auf dem Pult. Er sah den Wissenschaftler überrascht an.
              «Das ist nicht ernst gemeint, oder?»
              «Zugegeben, Steuerpult ist mehr als übertrieben. Selbst dieser Startknopf ist übertrieben. Es gab eine Ausschreibung im Gremium und zur Überraschung aller, setzte sich dieser Startknopf durch. In Rot gehalten, selbstverständlich.»
              Er schüttelte den Kopf, ob dieser archaischen Startmöglichkeit.
              «Mit einer ausreichenden Zeitspanne, die uns das Verlassen des Instituts gewährleistet. Hoffe ich doch?»
              «Selbstverständlich. Auch wenn das Gremium, was diesen Startknopf angeht, keinen Rückzieher machen wollte, setzt er nur einen elektrischen Mechanismus in Gang, der dann den Startvorgang in Betrieb setzt.»
              «Und das Hologramm?»
              «Es zeigt im Lauf der vierzehn Berechnungstagen, die Ergebnisse der Kernrechner an. Die uns während dieser Zeit aber nicht zugänglich sein werden. Zumindest nicht an diesem Ort. Erst nach der Lebensraumberechnung, wenn sich die Kernrechner wieder abschalten, ist diese Kammer wieder gefahrlos zugänglich. Dann zeigt das Hologramm das Ergebnis an.»
              «Und warum dann der Aufwand des Hologramms in dieser Kammer? Wäre es nicht einfacher gewesen, die Ergebnisse an einen anderen Ort weiterzuleiten?»
              «Theoretisch ja, praktisch nein. Es liegt an den Kernrechnern selbst. Sie sind ultradicht gepackt und haben daher extrem kurze Verbindungen. Das konnten wir zwar, was den Output angeht, auf das Maximum strecken, aber hier war ende.»
              «Ich verstehe.»
              «Kommen sie.»
              Wobei der Wissenschaftler den Startknopf drückte und ihn zurück zur Leiter führte. Zusammen verließen sie zügig aber doch ruhigen Schrittes das Institut.

              ***

              Wieder blieb er am oberen Rand der Senke stehen. Nur das er diesmal nicht alleine war. Der Wissenschaftler stand neben ihm. Der Anblick, der sich ihnen bot, war derselbe wie Tags zuvor. Bis auf das Institutsgebäude. Es war fast zur Gänze unter herausschießenden Wassermengen verborgen. Der See selbst verschwand unter brodelnden Wassermengen, die auch die geschwungenen Brücken zur Hälfte überspülten. Er kannte die Theorie der Wasserkühlung bei der Lebensraumberechnung aber die Praxis zeigte zusätzlich die ganze Gewalt, die dahinter steckte. Es machte in der Tat einen Unterschied, die Kraft, rein als Datenwert zu kennen oder sie pur, als Kraft mit dem Körper zu spüren.
              Er spürte es als leichtes Unwohlsein im Körper.
              «Niederfrequente Schwingungen. In der Kammer des Instituts würden unsere Körper innerlich verflüssigt werden. Schalten sie ihr Magnetfeld ein.»
              Kaum das sich das Magnetfeld um seinen Körper legte, verschwand das Unwohlsein. Er tat den ersten Schritt und folgte einem der zahlreichen Pfade, die durch die Senke führten. Der Wissenschaftler folgte ihm und nach wenigen Augenblicken war er wieder neben ihm. Der Pfad bot mit zwei Metern Breite ausreichend Platz dazu.
              «Die zwölf Kernrechner arbeiten, gemäß allen Vorausberechnungen. Die ersten Daten tauchen bereits im Hologramm auf.»
              «Und man vertraut ihren Ergebnissen vorbehaltlos?»
              «Sie sprechen den KI-Krieg an. Ja, das war damals eine schlimme Zeit für unseren Lebensraum. Und ja, wir vertrauen den Ergebnissen der zwölf Kernrechner vorbehaltlos. Der Grund dafür ist simpel, und sie dürften ihn kennen.»
              «Sie haben natürlich recht. Die Kernrechner verfügen über keinerlei Bewusstheit. Es sind reine Rechenmaschinen, wenn auch auf extrem hohem Niveau. Aber sie erreichen fast das Niveau einer KI.»
              «Sie liegen drei tausendstel Prozent unterhalb der Schwelle. Gerade eben noch vertretbar für das Gremium. Aber ich kenne die langjährigen Diskussionen um diesen Punkt. Zudem existiert keinerlei Verbindung zu einem Ort außerhalb dieser Senke.»
              «Was der Grund für meine Aufgabe ist. Ich nehme die Erkenntnisse von Ihnen entgegen. Während der Lebensraumberechnung bei Spaziergängen durch die Senke. Bei Abschluss dann in der Kammer im Hologramm. Aber die Informationsübermittlung geschieht rein verbal.»
              «So ist es vorgesehen. Und eine erste Erkenntnis gibt es bereits. Allerdings ist sie uns schon seit langem bekannt.»
              «Dann ist sie die Erkenntnis, mit der wir, ich, überprüfen kann, ob die Kernrechner richtig arbeiten. Man gab mir diese Erkenntnis in Form eines einzigen Wortes mit.»
              Der Wissenschaftler sah neugierig zu ihm herüber.
              «Kugel.»
              Er nickte bestätigend. Innerlich fühlte er selbst Erleichterung. Das Gremium hatte ihm mitgeteilt, das dies die erste Erkenntnis sein dürfte, die von den zwölf Kernrechnern kommen müsste. Zumindest nach den zahlreichen Hochrechnungen, die gemacht wurden.
              «Die vollkommenste Form. Die Kugel. Und interessanterweise ist die Zahl Drei in ihr enthalten.»
              «Allerdings nicht in ihrem reinen Wert. Phi ist auch heute, eine in die Unendlichkeit verlaufenden Bruchzahl ohne Wiederholungen.»
              «Was nur beweist, das unser Lebensraum nicht perfekt ist.»
              «Ich verstehe. Wenn er perfekt wäre, würde er keinen Beginn aufweisen und ewig andauern.»
              «Da wir Hinweise für Beides gefunden haben, kann er nicht perfekt sein. Was zu Beweisen war, wie man früher schrieb.»

              ***

              «Die Kernrechner haben aber noch eine weitere Erkenntnis errechnet.»
              Ich fragte nicht nach, sondern sah mir die gärtnerische Arbeit innerhalb der Senke an. Alle Pflanzen waren, mittels uralter Samenkörner aus einem Archiv, nur hier angepflanzt worden. Es gab ansonsten nur grafische Umsetzungen dieser pflanzlichen Welt, die einmal existiert hatte. Umso unverständlicher für mich, warum die Senke nach der Lebensraumberechnung eingeäschert werden sollte. Aber das Gremium hatte entschieden.
              «Ich höre.»
              «Es wird sie überraschen, denke ich. Zur ersten Erkenntnis der Kugel soll dessen Inneres auch das Äußere sein.»
              «Sie meinen, das Volumen der Kugel soll mit der Oberfläche der Kugel identisch sein?»
              «Nein. Zumindest den Kernrechnern nach.»
              Der Wissenschaftler blickte dabei immer wieder auf eine kleine, im Ärmel, eingelassene Monitorfolie. Aus den Dokumenten, die mir vorgelegt worden waren, wusste ich, dass der Wissenschaftler über diese Monitorfolie die Erkenntnisse der Kernrechner abfragen konnte. Im Grunde genommen, sah er ein Abbild einer Kamera mit kurzer Sendereichweite, die auf das Hologramm in der Kammer des Instituts gerichtet war.
              «Auf Basisebene wäre es ein Vergleich von drei zu zwei Dimensionen. Also keine Gleichheit.»
              «Nicht Gleichheit, sondern identisch! Die Erkenntnisse sind da eindeutig. Das Innere ist identisch mit dem Äußeren.»

              ***

              Als er das nächste mal in der Senke auftauchte, kam er direkt vom Gremium. Nachdem er dort die erste Erkenntnis der Kernrechner überbracht hatte, war eine lange Diskussion entbrannt. Er selbst hatte sich allerdings aus dieser Diskussion herausgehalten, um seine Neutralität während der Lebensraumberechnung gewährleisten zu können. Er stellt immerhin das momentan einzige Bindeglied zwischen dem Wissenschaftler des Instituts und dem Gremium dar.
              «Ich sehe ihnen an, das sie keine Ruhe gefunden haben.»
              «Das Gremium hat auf die erste Erkenntnis reagiert. Auch wenn sie erwartet wurde, brach eine Diskussion los, die jetzt noch andauert. Das Gremium hat mir eine Frage mitgegeben. Sie lautet wie folgt: Wie berechnen die Kernrechner ihre Erkenntnisse?»
              Der Wissenschaftler sah ihn verwundert an. Er konnte es ihm nachfühlen, denn diese Frage war in jahrelangen Diskussionen bereits vorher ausgiebig besprochen worden. Aber jetzt, wo die Lebensraumberechnung lief, gab es für das Gremium eine Aktualität, die es vormals nicht gab.
              «Es liegen aktuelle Erfahrungswerte der Kernrechner vor, die es vorher nur theoretisch gab. Wie sie selbst sagten. Die Praxis unterscheidet sich von der Theorie. Insofern ist die Frage des Gremiums berechtigt.»
              «Ich gebe Ihnen recht. Es ist schwer, die Erkenntnisgewinne der Kernrechner, zu erklären.»
              «Wir haben Zeit. Folgen wir derweil diesem Pfad hier.»
              Der Pfad führte sie in die leichte Nebelwolke hinein, die sich in der Senke gebildet hatte. Die immensen Wassermassen, die sich über die Kernrechner ergossen, zerstoben beim Aufprall auf Hindernissen zu feinen Tropfen, die sich als Nebenwolke über dem Institut erhob. Ein leichter Wind strömte in Richtung des Instituts und hielt den Nebel dort zusammen. Der Luftzug wurde durch das zurückströmende Wasser verursacht. Die hochgepumpten Wassermengen hatten die Seeoberfläche stark absinken lassen und das über die Kernrechner gespülte Wasser riss beim Hinabfallen die Luft mit sich.
              «Die zwölf Kernrechner tun nichts anderes, als alle Daten zueinander in Beziehung zu setzen. Jeder Kernrechner tut dies allerdings auf eine andere Art und Weise. Ich erhalte auch immer zwölf Ergebnisse, aus denen alle Kernrechner zusammen dann die Erkenntnis berechnen.»
              «Das klingt ähnlich wie die Vorgehensweise der Forscher in ferner Vergangenheit. Jeder von ihnen ermittelte im Laufe seines Lebens, eine oder mehrere Basisformeln, die unseren Lebensraum beschrieben. Mehr und weniger genauer.»
              «Das Prinzip ist ähnlich. Nur das die Leistung der Kernrechner für einen dieser Forscher der Vergangenheit, nicht mehr erklärbar ist.»
              «Es übersteigt auch unsere eigenen Leistungen.»
              «Natürlich. Ich wollte nicht überheblich werden. Der KI-Krieg zeigte uns schmerzhaft, wohin Überheblichkeit führen kann. Die Kernrechner haben eine weitere Erkenntnis berechnen können. Sie lautet: Alles entfernt sich.»
              «Interessant. Uns fehlt der Zusammenhang mit der bisherigen Erkenntnis.»
              «Die letztendliche Erkenntnis zu unserem Lebensraum, wird erst nach Beendigung der zweiwöchigen Berechnung vorliegen. Was wir bisher mitbekommen, sind quasi Zwischenschritte auf dem Weg dorthin.»
              «Nicht unbedingt. Wir haben die Erkenntnis der vollkommenden Form der Kugel. Die Erkenntnis dass das Innere und Äußere identisch sind und die Erkenntnis, dass sich alles entfernt. All dies hängt zusammen.»
              Er folge gedankenvoll dem Pfad durch die Senke. Hin und wieder wurde die Umgebung um ihn herum Weis, dann wieder Grün und Bunt. Je nachdem ob er in das Nebenfeld hinein oder hinaustrat. Zwei der Erkenntnisse, die erste und letzt konnte er durchaus zusammenhängend betrachten. Denn wenn er eine Kugel vergrößerte, entfernten sich alle Punkte auf dessen Oberfläche voneinander. Aber die zweite Erkenntnis fügte sich nicht ein.
              «Es sei denn, es ist die Innenfläche der Kugel gemeint. Diese ist mit der Außenfläche identisch, wenn der Abstand zwischen beiden Flächen Null ist.»
              «Diesen Gedanken hatte ich ebenfalls.»
              «Es ist ein Beginn und zumindest konsequent aufeinander aufbauend.»

              ***

              Im Gremium brandete die Lautstärke hin und her in ihrer Intensität. Er stand noch immer inmitten des hellen Bereiches und wartete. Soeben hatte er die vierte Erkenntnis der zwölf Kernrechner dem Gremium übermittelt. Von den vorherigen drei Malen wusste er, dass sich die Aufregung legen würde. Dann würde er sich entfernen und seine Ruhezeit beginnen. Im Gremium würde dann die Diskussion beginnen.
              «Sind Sie sich absolut sicher, uns die Erkenntnis des Instituts korrekt mitgeteilt zu haben?»
              Erschrocken fuhr er zusammen. Bisher war er noch nie anschließend angesprochen worden. Und gleich mit dem Vorwurf des Gremiums, die Erkenntnis falsch übermittelt zu haben.
              «Ja.»
              Mit festen Blick sah er die Individuen des Gremiums nacheinander an. Es gab nur zwei Individuen in ihnen, die an seiner Übermittlung zweifelten. Aber selbst einer reichte aus, damit das Gremium in seiner Einheit, handeln musste.
              «Sie verstehen, dass wir das überprüfen müssen?»
              «Ja.»
              Er hielt sich bewusst einsilbig und damit unmissverständlich. So wie es auch das eine Wort war, das die Kernrechner errechnet hatten. Aus dem dunklen Bereich über ihn senkte sich eine Haube herab und verhielt, als sie seinen Kopf umschlossen hatte. Er schloss die Augen, obwohl das auf den Scan keinen Einfluss haben würde. Er war für ihn auch nicht spürbar. Offenbarte aber alles was an Gedanken jemals gedacht worden war. Es war dieser Punkt gewesen, der ihn damals fast von der Bewerbung für diese Aufgabe abgehalten hatte. Nach einem Scan, wusste das Gremium alles über ihn. Seine Individualität existierte ab da nicht mehr.
              «Wir Danken Ihnen für ihr vertrauen und sehen uns abgesichert. Die Übermittlung war korrekt, wie von Ihnen mitgeteilt.»
              Während sich die Haube wieder in die Dunkelheit zurückzog, brandete wieder die Diskussion im Gremium hin und her. Er zog sich in seinen Ruheraum zurück und versuchte die vierte Erkenntnis, den drei bereits Bekannten hinzuzufügen.
              «Gegensätzlichkeit.»
              Er erinnerte sich der Zahlen, Drei, Vier und Zwölf, die ihm der Wissenschaftler genannt hatte. Mit der Drei konnten die ersten drei Erkenntnisse übereinstimmen, die anscheinend einen Zusammenhang besaßen. Die vierte Erkenntnis kehrte dann alles um?

              ***

              «Mit der vierten Erkenntnis habe ich Schwierigkeiten. Wie auch das Gremium.»
              «Gegensätzlichkeit. Ja, das ist ein harter Brocken. Ebenso der Fünfte, der soeben übermittelt wurde.»
              «Ich höre.»
              «Sprechen wir erst über ihre Schwierigkeiten, die vierte Erkenntnis den drei anderen anzupassen. Oder erklärbar zu machen. Zudem haben sich die Gärtner viel Mühe gegeben die Senke ansprechend zu gestalten.»
              Er sah den Wissenschaftler nur kurz an und wandte dann seinen Blick in die Senke hinab. Das Zentrum war in einer dichten Nebelwolke verschwunden. Nur das Rauschen des Wassers drang aus ihr hervor. Die Technik des Instituts arbeitete einwandfrei und kühlte die zwölf Kernrechner.
              «Zwölf Sternzeichen teilte sie mir zu Beginn der Lebensraumberechnung mit. Ich vermute mal, dass die Kernrechner nach den alten Sternkreiszeichen benannt wurden?»
              «Das ist richtig. Anfänglich nur zwölf nahe Bereiche um den Lebensraum herum, dann Blickwinkel von ihm weg, später zwölf Richtungen in den Lebensraum hinein. In denen wir, wenn wir bis ans Ende blicken könnten, uns selbst entdecken würden. Das Gremium fand es passend.»
              Er nickte und griff nach einer rosafarbenen Blüte am Rande des Pfades.
              «Sie sollen selbst den Duft hinbekommen haben.»
              Ohne daran zu riechen, ging er den Pfad weiter entlang. Er führte diesmal nahe des oberen Randes der Senke entlang. Ohne entsprechend funktionierende Riechorgane, konnte er keinen Blütenduft aufnehmen. Für seine Aufgabe hier hatte er auf einiges verzichten müssen.
              «Eine Kugel, dessen Innenfläche mit der Außenfläche identisch ist. Folglich eine Distanz von Null zwischen den Flächen aufweist. Bei deren Vergrößerung sich jedes Objekt auf der Fläche, voneinander entfernen würde. Dazu die Gegensätzlichkeit. Ihre Zahlen, Drei und Vier.»
              «Die Zahlen Drei und Vier haben nichts mit den Erkenntnissen zu tun. Es war ein Fehler, sie überhaupt zu erwähnen. Sie verwirren nur.»
              «Das Gremium weis inzwischen von ihren Zahlen, da ich einem Scan unterzogen wurde.»
              Der Wissenschaftler verharrte kurz in seinem Schritt. Ging dann ruhig weiter neben ihm her.
              «Diese Zahlen sind kein Geheimnis und das Gremium ist klug genug, um sie nicht zu berücksichtigen.»
              «Sicher, das sehe ich ebenso. Was aber wäre, wenn sie relevant sind?»
              «Die Kernrechner berücksichtigen alle Daten.»
              «Der KI-Krieg wurde von uns gewonnen, da unsere Denkweise letztendlich zum Untergang der KI führte. Die zwölf Kernrechner des Instituts sind fast auf dem Niveau einer KI.»
              «Und somit gehandikapt, meinen Sie? An ihrer Betrachtungsweise könnte etwas dran sein. Ich werde darüber nachdenken. Gegensätzlichkeit wäre eine Art von Begrifflichkeit, die man für diese Betrachtungsweise auch verwenden könnte.»
              «Natürlich! Damit sich alles entfernt, muss die Fläche größer werden. Was eine Vergrößerung der Kugel bedeutet. Die Gegensätzlichkeit bezieht sich womöglich auf genau diesen Punkt. Der Vergrößerung.»
              «Das Innere und das Äußere sind identisch. Aber wenn ich eine Innenkugelfläche vergrößere, so beugt sie sich genau gegensätzlich zu der Außenkugelfläche.»
              «Die Beugung geht in beiden Fällen nach innen, um den Mittelpunkt herum. Ich erkenne da keine Gegensätzlichkeit.»
              «Ja, und nein. In einer gewissen Begrifflichkeit der Wahrnehmung. Die innere Beugung geschieht quasi auf meinem Rücken. Die äußere Beugung an meinem Bauch. Mit Betrachtung der Gegensätzlichkeit müsste ich mich außen umdrehen, um die Beugung wieder am Rücken zu haben.»
              «Eine interessante Interpretation. Die Frage, die sich stellt: Ist es so?»
              «Wie lautet die fünfte Erkenntnis?»
              «Unaufhaltsame Anziehung.»

              ***

              Nun war er es, der im Schritt verhielt. Der Wissenschaftler bemerkte es und drehte sich ihm zu.
              «Vier Erkenntnisse habe ich in eine für mich logische Reihe bringen können. Die Fünfte zerreißt sie.»
              «Bedenken Sie, das die Lebensraumberechnung nicht beendet ist. Die bisherigen Erkenntnisse sind nur Teile des Ganzen.»
              «Wobei auch unbekannt ist, wie viele Erkenntnisse es geben wird. Es besteht die Möglichkeit, dass wir trotz der Lebensraumberechnung die letztendliche Erkenntnis nicht verstehen werden. Meine Interpretation ist aller Voraussicht nach viel zu einfach gedacht.»
              «Meiner Meinung nach, müsste es sich bei der Gegensätzlichkeit, um etwas viel kompliziertes Handeln. Die ersten drei Erkenntnisse beschreiben unseren Lebensraum als Kugel. Das ist schon nah an der beobachteten Realität. Das theoretische Modell unseres Lebensraumes ist weitaus komplexer und hebt die Kugel darin, auf ein weitaus höheres Niveau.»
              «Ich verstehe ihren Ansatzpunkt. Was wäre, wenn wir bereits alle Erkenntnisse haben?»
              «Nicht möglich, da das Institut, beziehungsweise die Kernrechner noch am berechnen sind. Zudem müsste die letztendliche Erkenntnis von allen zwölf Kernrechnern kommen. Die bisherigen Erkenntnisse, kamen von jeweils einem Kernrechner.»
              «Wenn es bereits alle Erkenntnisse sind, so berechnen die Kernrechner letztendlich aus ihnen die absolute Erkenntnis. Ja, ich verstehe.»
              «Wir beide, und auch das Gremium, sind keine Kernrechner.»
              «Unsere Sichtweise ist begrenzt.»
              «Wobei man die Begrifflichkeit der Sichtweise auch als Betrachtungsweise benennen kann.»
              Er nahm seinen Schritt wieder auf und folgte dem Pfad durch die Senke hindurch. Der Wissenschaftler hatte seine Sicht über die Erkenntnisse der Kernrechner. Er selbst die Seine und das Gremium wiederum eine ganz Andere. Jedes Individuum im Lebensraum würde seine ganz eigene Betrachtungsweise haben. Daher war ja auch die Lebensraumberechnung initiiert worden. Um eine einzige Sichtweise zu erhalten.
              «Unseren Lebensraum kann man als Kugel verstehen. Soweit wussten wir es schon. Kugeln sind in ihm weit verbreitet.»
              «Die Kugelform ist die einzige Form, die im Lebensraum existiert. In welcher Größe auch.»
              «Und jede Kugel hat eine unaufhaltsame Anziehung!»
              Beide verhielten im Schritt und sahen sich an.
              «In welcher Größe auch.»
              «Wobei man Größe auch als Stärke begreifen kann.»

              ***

              «Die Kernrechner arbeiten ohne Probleme?»
              «Natürlich. Dass es bisher keine weiteren Erkenntnisse gibt, kann man auch als gutes Zeichen ansehen.»
              «Das Gremium sieht es genauso.»
              Der Pfad führte sie diesmal entgegengesetzt durch die Senke. Wie viele Pfade es gab, wusste er nicht. Obwohl es ihn nur eine kurze Abfrage kosten würde. Aber die Spaziergänge auf unbekannten Pfaden hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Nachdenken über die Erkenntnisse der zwölf Kernrechner des Instituts. Auch bei ihnen wusste man nicht, wohin sie führen würden.
              «Da es keine Erkenntnisse an das Gremium zu übermitteln gibt, berichten sie mir doch bitte etwas über die Art und Weise, wie die Kernrechner ihre Berechnungen durchführen.»
              «Die optische Anordnung sagt schon etwas über den inneren Aufbau der Kernrechner aus. Sie sind ultradicht mit elektronischen Bauteilen gepackt. Alle Bauteile weisen extrem kurze Übertragungswege auf.»
              «Die kurzen Röhrenverbindungen.»
              «Das alles in Glas gegossen, um eine größtmögliche Kühlung gewährleisten zu können. Jeder Kernrechner wurde im inneren Aufbau anders konzipiert, um in ihrer Ganzheit eine allumfassende Berechnung möglich zu machen.»
              «Soweit konnte ich es aus dem optischen Anblick ebenfalls eruieren.»
              «Sie interessieren sich für das nicht sichtbare der Kernrechner? Ich weis nicht, ob sie über die Grundlagen verfügen, die komplexe Programmstruktur verstehen zu können.»
              «Über die verfüge ich in der Tat nicht, aber mir würden Anhaltspunkte genügen.»
              «Alle Kernrechner, berechnen alle Daten, mit allen Formeln. Jeweils zwei Kernrechner haben allerdings Prioritäten auf die Bereiche Mathematik, Physik, Astronomie, Biologie, Chemie und Informatik. Wiederum einer dieser zwei Kernrechner hat Prioritäten auf festgelegte Formelarten. In der Mathematik zum Beispiel hat der Kernrechner Waage, eine Priorität auf die Kurvenuntersuchung. Der Zweite, mit dem er die Priorität des Bereiches Mathematik teilt, auf die Näherungsfunktionen. Beide auf das näherungsweise Bestimmen von Nullstellen in stetiger Funktionen.»
              «Können sie mir da ein Beispiel liefern?»
              «Durchaus. Die Mathematik gehört ja mit zu unseren Existenzgrundlagen. Innerhalb der Priorität der Kurvenuntersuchungen haben wir es mit dem Monotonieverhalten, dem Konvex- bzw. Konkavbögen und dem Verhalten der Funktionen an speziellen Stellen zu tun. Innerhalb der Priorität der Näherungsverfahren, haben es die Kernrechner mit dem Satz von Taylor, der Formel von MacLaurin und den speziellen Funktionen der Taylor-Entwicklung zu tun. Innerhalb der Priorität der näherungsweisen Bestimmung von Nullstellen in stetiger Funktion, mit dem Sekanten- und Tangentennäherungsverfahren. Die genauen mathematischen Beschreibungen spare ich mir hier.»
              «Ich beginne zu verstehen. Mit Hilfe ihrer unterschiedlichen Prioritäten werden alle zu berechnenden Bereiche, entsprechend stark zwischen den Kernrechnern gewichtet. Diese Gewichtung führt dann zu einem besseren Ergebnis.»
              «Um letztendlich ein klares Bild zu erhalten. Nach den theoretischen Beschreibungen für die Lebensraumberechnung.»
              «Und die Praxis machte aus einem alten Vulkankrater, eine Senke mit dem Institut und den zwölf Kernrechner darin.»

              ***

              Immer wenn er vom Gremium zur Senke zurückkehrte, blieb er einen Augenblick lang an dessen oberen Rand stehen. Der Blick in die Senke zeigte das mittlerweile gewohnte Bild der Nebelwolke, die das Institut dem Blick entzog. Der See, in dessen Mitte sich das Institut befand, war nicht zu sehen, denn die Nebelwolke zog sich inzwischen die halbe Senke hinauf. Der Wissenschaftler wartete immer am Rand der Nebelwolke, war aber nicht zu sehen. Er folgte dem Pfad, der oben am Rand der Senke angelegt worden war und komplett um sie herumführte, bis er den Wissenschaftler gewahr wurde.
              Es war dem Wissenschaftler unbekannt, an welchem Ort er die Senke betrat. Natürlich versuchte dieser, dies mit seinem Fachwissen zu kompensieren, indem er statistische Vorausberechnungen anstellte. Was aber nicht immer gelang.
              «Ich bekomme genaue Anweisungen, an welchen Ort ich die Senke bei jedem Besuch zu betreten habe.»
              «Das dachte ich mir auch schon, denn meine Vorausberechnungen hätten zumindest eine bessere Wahrscheinlichkeit haben müssen. Das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein, das ist mir bekannt. Nur sie selbst waren die Unbekannte.»
              «Auch ich gehe kein Risiko ein, auch wenn ich letztendlich ihr Schicksal teilen werde.»
              Der Wissenschaftler neigte kurz seinen Kopf ihm gegenüber. Was ihn verunsicherte. Hatte er es nicht gewusst?
              «Sie wussten es nicht?»
              «Doch natürlich. Entschuldigen sie mein Verhalten. Es gab für mich eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass ihr Schicksal ein anderes sein würde.»
              «Das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein! Gibt es weitere Erkenntnisse?»
              «Eine zumindest. Alles bleibt erhalten.»
              «Ja. Das passt…»
              Er murmelte leise vor sich hin, während er gedankenvoll einem willkürlichen Pfad folgte. Der Wissenschaftler folgte ihm wie jedes Mal.
              «Das Gremium hat über die bisherigen Erkenntnisse nachgedacht und ist natürlich, durch die Vielzahl an Individuen, die hinter ihm stehen, viel weitergekommen als wir beide. Sie haben natürlich nicht die letztendliche Erkenntnis aber es gibt Lebensraumtheorien, die immer mehr ins Gewicht fallen.»
              «Sie machen mich neugierig.»
              «Die vollendete Form. Die Gegensätzlichkeit des Inneren zum Äußeren, die identisch sind. Die unaufhaltsame Anziehung. Sie deuten auf ein beobachtetes Objekt im Lebensraum hin. Eine Singularität.»
              «Unser Lebensraum soll eine Singularität sein? Diese Theorie wurde schon längst wiederlegt.»
              «Wiederlegt? Auf der Grundlage unzulänglichen Wissens? Selbst wenn das Institut mit den zwölf Kernrechnern unseren Lebensraum berechnen kann.»
              «Wird.»
              «Wird, es nicht mit letzter Gewissheit die reale Wahrheit sein. Dazu wäre ein Wissen vonnöten, das über diese letztendliche Erkenntnis hinausgeht. Denken sie an die früheren Versuche, den sogenannten Urknall aus dem Nichts heraus zu beschreiben. Es tauchte sofort die Frage auf, was war vor dem Nichts? Nein. Nur als unwahrscheinlich eingestuft. Ich gebe Ihnen aber hinsichtlich eines Punktes Recht. Unser Lebensraum ist keine Singularität, weil das bedeuten würde, dass wir im Inneren dieser existieren würden.»
              «Ich beginne zu verstehen. Das Innere ist mit dem Äußeren identisch. Die Nullfläche der Singularität. Die Innen- sowie Außenfläche.»
              «Mathematisch gesehen, eine zweidimensionale Fläche begrenzter Größe. Unser Lebensraum weist jedoch mehr Dimensionen auf. Ihr Hinweis auf die Zahlen, Drei, Vier und Zwölf weist einen Weg. Wir haben eine sechste Erkenntnis.»
              «Die zweite Drei meinen Sie? Zahlenspielerei!»
              «Ja, durchaus. Nein, nicht nur. Gegensätzlichkeit! Die ersten drei Erkenntnisse beziehen sich auf die vollendete Form an sich. Die zweiten drei Erkenntnisse, auf eine Singularität. Diese zieht alle Massen unaufhaltsam an. Sie ist in sich gesehen, gegensätzlich und doch bleibt alles, was sie anzieht, erhalten.»
              «Sie spielen auf den ersten Satz der Thermodynamik im Bereich der Physik an.»
              «Die gesamte Energie in einem abgeschlossenen System ist konstant. Ja. Nur, dass eine Singularität kein abgeschlossenes System ist.»
              «Unaufhaltsame Anziehung, bedeutet, dass der Singularität alles zugeführt wird. Wodurch sie größer wird. Was wiederum alles voneinander entfernt, da innen und außen identisch ist.»
              «Die Gegensätzlichkeit beschreibt die Art und Weise, wie das Aufgenommene die Singularität vergrößert, indem es den den Zufluss wandelt. Normale Materie und Energie wandelt sich zu ihren jeweiligen dunklen Opponent.»
              «Das Gremium wird nicht begeistert sein, wenn es auf diese Weise erfährt, das unser Lebensraum, nicht der einzig existierende sein soll. Es existieren zahlreiche Singularitäten.»

              ***

              «Ihre Annahme, dass es dem Gremium nicht gefallen würde, war richtig.»
              «Sie waren auch länger abwesend als bisher.»
              «Liegt die letztendliche Erkenntnis vor? Die Lebensraumberechnung endet heute.»
              «Die Kernrechner sind dabei, alle Erkenntnisse in ihren komplexen Beziehungen zueinander zu berechnen. Wir können uns durchaus schon auf dem Weg zum Institut machen.»
              Er folgte dem Wissenschaftler, der zwar auch diesmal am Rand des Nebelfeldes gewartet hatte, sich aber zu ihm hinaufbegeben hatte, als er keinerlei Anstalten machte, ihn aufzusuchen. Es war ein Geschenk des Gremiums für ihrer beider Arbeit. Der Wissenschaftler konnte sein Institut für eine Weile aus dem Blick lassen und den Lebensraum außerhalb der Senke betrachten. Er selbst würde das Institut aufsuchen und die Senke niemals mehr verlassen. Während er neben dem Wissenschaftler einem Pfad in die Senke hinab folgte, endete das Rauschen des Wassers.
              «Die Lebensraumberechnung ist beendet. Die zwölf Kernrechner haben ihre Berechnung eingestellt. Sie können ihr Magnetfeld abschalten.»
              Gleichzeitig mit dem Abschalten des Magnetfeldes schaltete er die fast unsichtbar über seinen Kopf gestülpte Haube ein. Eine mobile Version der Stationären des Gremiums und nur in einer Richtung kommunikationsfähig
              «Meine Aufgabe ist beendet. Die Ihre, in wenigen Augenblicken. Ein erhabenes Gefühl.»
              «Gefühle?»
              «Mathematisch betrachtet. Wie sollte es anders sonst sein? Eine anfangs unlösbare Aufgabe wurde gelöst. In mir erzeugt es etwas, das mit der Begrifflichkeit des Gefühls, gut umschrieben werden kann. Ist das Gremium in seiner Betrachtungsweise weiter gekommen? Natürlich! Ich habe mich von meinem Gefühl leiten lassen.»
              «Das Gremium beschäftigte sich intensiv mit der Betrachtungsweise, das alles auf dem unser Lebensraum beruht, auf eine Singularität hinausläuft. Aber die letztendliche Erkenntnis steht noch aus.»
              «Wir haben noch etwas Zeit, bis das Institut für uns zugänglich wird. Momentan wird kein Kühlwasser mehr emporgepumpt, so dass der Wasserspiegel sich annähernd wieder den Anfangsgegebenheiten anpassen wird.»
              «Abzüglich der Wassermenge des Nebels.»
              «Letztendlich nein. Sie werden es gleich mitbekommen.»
              Der Wissenschaftler hatte recht. Die Nebelwolke hob sich gerade empor und geriet über den Rand der Senke. Wodurch sie zusätzlich der Wärme des Zentralgestirns, auch der seitlich wirkenden Abwärme der nahen Strukturen ausgesetzt wurde. Die kleinen Wassertröpfchen des Nebels wurden größer. Gewannen an Gewicht und fielen als dicke Wassertropfen zurück in die Senke hinab. Wodurch das Institut immer sichtbarer wurde. Er wartete, bis der letzte Regentropfen gefallen war. Die Senke bot sich ihm wieder im gewohnten Anblick. Nur, dass die bunte Pflanzenvielfalt im Licht glitzerte. Auch die geschwungenen Brücken über dem See glänzten in der Feuchtigkeit. Es würde nicht lange andauern. Biologisches war schnell vergänglich.
              «Eine Singularität also.»
              «Es sprach und spricht vieles dafür.»
              «Singularitäten entstehen durch das Fallen von Gestirnen, ab einer bestimmten Masse. Im Anfangsstadium ist das Innere, das identisch ist mit dem Äußeren, und von dem wir Annehmen, das es sich um den Ereignishorizont handelt, durchsetzt von reiner Energie. Zu viel Energie, um Materie zu bilden. Erst ab einer bestimmten Größe der Singularität dünnt die Energie aus und wird kühl genug, um sich zu Materie zu wandeln.»
              «Ist das Gremium auch der dahinter gekommen, wie die Größenänderung der Singularität vonstattengeht?»
              «Nur theoretisch. Die vierte Erkenntnis der Gegensätzlichkeit, gab einen Hinweis. Die unaufhaltsame Anziehung der vollendeten Form wandelt alles ins Gegensätzliche. Aus messbarer Energie und Materie wird unmessbare. Vom Standpunkt des Lebensraumes aus wird dieser Größer. Alles entfernt sich aber nicht durch Messbares.»
              «Dunkle Energie und Materie. Eine uralte Vorstellung.»
              «Die anscheinend mit der Gegensätzlichkeit erklärbar ist.»
              «Jegliches Objekt in unserem Lebensraum hat etwas gegensätzliches, wie wir wissen. Nur war uns nie klar, dass sich dies auf alles bezieht.»
              «In unserem Lebensraum kollidieren Singularitäten immer wieder. Bedeutet dies, dass damit zwei Lebensräume vernichtet werden? Oder zu einem einzigen neuen Lebensraum verschmelzen, indem sie vielleicht denselben Raum einnehmen, aber nebeneinander unmessbar bleiben? Was passiert bei Letzterem, wenn solch eine Singularität mit einer weiteren kollidiert?» «Und wenn es dann zu einer weiteren Kollision kommt, es drei Lebensräume sind, die sich einen Lebensraum teilen? Dies sind Fragen, die sich vielleicht in der Zukunft klären lassen werden. Momentan sind es nur Gedankenabstrakte, die das Gremium aus den sechs Erkenntnissen gezogen hat.»

              ***

              Der Wissenschaftler führte ihn wieder über eine der vielen kleinen geschwungenen Brücken zum Institut hinüber. Im inneren des Instituts hatte sich nichts verändert. Diesmal sah er nicht in die Bereiche der Kernrechner hinein, sondern schritt zur Gitterleiter. Bevor der Wissenschaftler diese emporstieg drehte er sich um.
              «Wenn eine Singularität entsteht, entsteht sie aus einem Lebensraum heraus. Weit genug zurückgedacht, wie entstand der erste Lebensraum?»
              «Gibt es immer nur diesen einen Lebensraum? Wir spekulieren.»
              «Sie haben recht. Die letztendliche Erkenntnis liegt nur wenige Schritte über uns.»
              Er folgte dem Wissenschaftler die Gitterleiter hinauf in die Kammer des Instituts. Das vormals leere Hologramm war angefüllt mit Daten. Er beachtete den Wissenschaftler nicht mehr. Dessen Aufgabe war erfüllt. Die Seine jedoch, noch nicht ganz. Er blickte tief in das Hologramm hinein.
              «Können Sie diese Datenfülle denn erfassen?»
              «Meine Optik ist auf das Hologramm abgestimmt worden. Die Übermittlung an das Gremium erfolgt durch eine mobile Haube.»
              «Verstehe. Darum wird ihre Aufgabe mit der Meinigen hier enden.»
              «Das Gremium wollte den Kernrechnern nicht die Möglichkeit geben, sich die fehlenden drei tausendstel Prozent zur Bildung einer KI, aus der Struktur zu holen.»
              «Verstehe. Die Haube bildet einen direkten Zugang zur Struktur unseres Lebensraumes. Und das Gremium geht nicht das geringste Risiko ein.»
              «In diesen Augenblick erfolgt die Datenübermittlung an das Gremium. Die Fülle an Daten in dem Hologramm ähnelt einer Mandelbrotmenge, nur das diese Datenfülle hier begrenzt ist. Sie ist für mich selbst jedoch nicht direkt erkennbar, da sie potenziert wurde. Aber wir beide lagen mit unserer Einschätzung der Erkenntnisse richtig.»
              «Unser Lebensraum ist also die Hülle einer Singularität!»
              «Ja!»
              «Wie genau lautet die letzendliche Erkenntnis?»
              «Null.»

              ***

              «Die Übermittlung aller Daten der Lebensraumberechnung ist beendet. Meine, unsere Aufgabe ist damit erfüllt.»
              Gleichzeitig begann das Institut zu vibrieren und der See um sie herum und unter ihnen begann zu brodeln. Das Gremium hatte die Pressfelder tief unter der Senke abgeschaltet und das Magma des einstigen Vulkans, stieg schnell wieder den Schlot hinauf.
              «Die vollkommende Form der Kugel. Das Innere ist auch das Äußere. Alles entfernt sich. Gegensätzlichkeit. Unaufhaltsame Anziehung. Null.»
              «Die Gegensätzlichkeit von Null, ist größer Eins. Die Nullfläche, die von der Innenfläche und Außenfläche, die identisch sind, bekommt damit eine Mehrdimensionalität.»
              «Unser mehrdimensionaler Lebensraum.»
              Das Wasser direkt unter ihnen, wandelte seinen Zustand und strömte an ihnen vorbei in die Höhe. Nicht als Nebel, sondern als schnell emporschießende heiße Wolke. Ein letztes Mal strömte ein Datenstrom, ausgehend von seiner Haube in die Struktur. Er übermittelte all die Erkenntnisse um die biologische Vielfalt innerhalb der Senke. Es war, verglichen mit dem ersten Datenstrom, ein Rinnsal. Die von unten aufsteigende Hitze erreichte das Institut und damit die Senke. Wandelte alles um. Der Wissenschaftler und er selbst bekamen dies nicht mehr mit, da ihre Struktur in ihre kleinesten Teile zerstoben.
              Bei diesem Vorgang der Wandlung zeigte sich auch wieder die nicht vollständige Perfektion der Lebensraumberechnung. Durch die Unzahl an Pflanzenwurzeln entsprach die Festigkeit des Kraters an einer Stelle, nicht mehr dem theoretischen Modell. Das aufgestiegene Magma, floss durch eine sich bildende Bruchstelle aus dem Krater hinaus. Erreichte aber die, den Krater weiträumig umgebene Struktur des Lebensraumes nicht.
              Die Struktur erstreckte sich in die Unendlichkeit und allen Erkenntnissen nach, würde sie das auch bis in alle Unendlichkeit tun. Zumindest war man immer davon ausgegangen, bis es zu einem Ereignis kam, das dem widersprach. Als die Struktur sich immer weiter ausbreitete, traf sie auf sich selbst. Der Lebensraum war endlich! Die Ausbreitung war linear in alle drei Raumrichtungen erfolgt. Wie sah ihr Lebensraum aus? Man suchte einen materiellen Ort, um eine gewagte Berechnung zu beginnen. Ein Gremium wurde gebildet, das den Puffer zwischen Struktur und Berechnung darstellen würde. Die Lebensraumberechnung musste unbeeinflusst stattfinden. Und die letztendliche Erkenntnis, die sie erbrachte, beantwortete zwar die Frage nach dem Aussehen des Lebensraumes, aber sie warf auch neue auf.

              Ende
              <message edited by jomikel on 09.09.2016 19:17:00>
              Gruß, Jomikel
               
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